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19. September 2017
Ihre Zeitung Aktuelles aus Spanien Wissenswertes
  Spanien in der Hand der Spekulanten?
 
 
 
Jonas W.
Ein reisender Politologe, den es für einige Monate nach Madrid verschlagen hat. 2009 mit Uni-Abschluss in Frankfurt/Main entschloss ich mich noch (...)


Staaten als Spielball der Spekulanten - Regierungschef Zapatero und Oppositionsführer Rajoy von der PP wollten am 5.5.10 gemeinsam gegen die Spekulationen um einen drohenden Staatsbankrott vorgehen. Der spanische Aktienindex verlor indessen an zwei Tagen knapp 7 %.

(flickr.com/photos/brucknerite) -

Die Madrider Börse im Sinkflug

Zapatero und Rajoy strahlen Zuversicht aus, auf den Treppen im Palast Moncloa lächeln sie für die Kameras. Offiziell geht es bei dem Treffen um die Hilfs-Überweisungen an Griechenland und die Restrukturierung des Finanzsystems. Zapatero teilte Rajoy umfangreiche Informationen zur wirtschaftlichen Lage mit und überzeugte ihn, die Hilfe an Griechenland im Parlament schnell abzuwickeln. Weiter standen auf dem Programm die Umwandlung des ineffizienten Sparkassensystems. Rajoy teilte vorab mit, dass er Zapatero auf die Dringlichkeit des Umbaus der spanischen Wirtschaftspolitik hinweisen will, bevor Spanien in eine ähnliche Situation wie Griechenland gerät. Gemeinsam wollen sie die Spekulanten in die Schranken weisen. Griechenlands Probleme sind sicherlich die geringen Staatseinnahmen und hohen Ausgaben, aber die Spekulation trieb sie beinahe in die Pleite. Spanien steht wirtschaftlich noch besser da, allerdings hat man auch hier gegen Spekulationen momentan kein besseres Mittel als Zuversicht auszustrahlen.

Spekulationen an den Börsen
Den ersten Börsencrash verursachte am 7. Februar 1637 die Spekulation mit den in den Niederlanden so beliebten Tulpen. In den 70er und 80er Jahren des 20. Jhr. waren vor allem Lebensmittel und Immobillien beliebte Spekulationsobjekte, was mit ganz realen Folgen für die Wohnungskosten und die globalen Lebensmittelpreise einherging. Ein Funktionsprinzip der Börsen ist, wenn Gerüchte entstehen, dann schlägt das sofort auf den Kurs und verwandelt die Marktteilnehmer zu Spekulanten, die sogenannte Realwirtschaft wird zweitrangig. Selbst der konservativste und langfristig ausgerichtete Anleger (Staatsanleihen galten lange als sicher) muss dann auf Halten oder Verkaufen spekulieren. Es wird dann darauf wetten müssen, ob die Gerüchte stimmen oder nicht. Durch diesen Diskurs werden weitergehend Gerüchte ohne Grundlage oft schneller zur Realität als die Anleger es sich wünschen. Eine sich gegenseitig bedingende Abwärtsspirale aus Realitäten und Diskursen wird in Gang gesetzt. Wenn der Diskurs - wie jetzt in Griechenland - sich mehr und mehr verselbstständigt, dann wird das Gerücht dadurch zur Wahrheit: die Ratingagenturen spiegeln diesen Abwärts-Prozess wunderbar wieder.

Wert und Wetten an den Märkten
Der Wert bemisst sich immer an der stillen Übereinkunft aller Händler des Produktes an der zukünftig prognostizierten Wertsteigerung: auf die vermutete Abweichung wird dann gewettet. Durch komplizierte Verfahren kann man auch auf fallende Kurse setzen und seinen Einsatz erhöhen etc.: Bei den Finanzprodukten zeigen sich die Banken kreativ. Wenn sich Staaten Geld leihen, dann an den Märkten, zu einem gewissen Prozentsatz - getilgt werden diese Kredite dann mit neuen Krediten (so läuft das seit Jahren - auch in Deutschland) .Wenn das Gerücht einer Staatspleite dann zum herrschenden Diskurs wird, setzt sich eine brutale Abwärtsspirale in Gang. Die Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit der Staaten immer schlechter - dadurch steigt der Wetteinsatz und der mögliche Gewinn: wenn es unwahrscheinlicher wird, sein Geld wieder zurück zu kriegen, dann bekommt man beim gleichen Einsatz immer mehr Rendite raus. Griechenland musste zuletzt viel mehr Zinsen als Deutschland für die Kredite zahlen (und mehr als Italien, welches fast einen gleichen Schuldenberg wie Griechenland bewältigen muss). Wenn immer mehr Anleger auf einen fallenden Kurs und auf die Tendenz einer Staatspleite wetten, wird die Wetttendenz dann der prognostizierte Wert. Die Kurse orientieren sich am Diskurs und fallen, wodurch sich auch wieder der Diskurs verstärkt. Dieser Vorgang bekommt gegenüber den eigentlichen realen Martkverhältnissen ein Übergewicht - andersherum entstehen die Blasen, die dann in einem Crash zerplatzen.

Der EU-Hilfsfonds
Der jetzige Hilfsfonds ist ein Kredit zu niedrigeren Zinsen, die falls Griechenland nicht Pleite geht, Deutschland viel Geld in die Staatskassen spülen würde. Das ist auch der Grund, warum Banken sich jetzt freiwillig an dem Hilfspaket beteilligen. Sie wissen, dass Griechenland im Euroraum nicht Pleite gehen wird, weil die EU-Staaten den Euro retten müssen und aus dem Tief holen wollen - daher wittern sie ihr gutes Geschäft. Momentan wird also fleissig gegen und für die Pleite Griechenlands gewettet. Sollte die Rettung gelingen, und davon ist auszugehen, wird viel Geld von den Bürgern Griechenlands an europäische Staaten, Banken und Spekulanten umgeschichtet sein - und Griechenland immernoch hoffnungslos verschuldet. Portugal, Spanien und Irland sind die nächsten Kandidaten:

Ein Gerücht lies den Ibex fallen.
Gestern machte das Gerücht die Runde, dass Zapatero schon einen Hilferuf an die EU vorbereite. Daraufhin breiteten sich an den Märkten Sorgen aus. Der spanischen Aktienindex Ibex 35 fiel gestern um knapp 5 Prozent und heute wieder um 2%. Deshalb muss Zapatero auch gerade jetzt Zuversicht und Einigkeit mit der Opposition zeigen, bevor ihn die Vermutung einholt. Er bezeichnete das Gerücht daher als "absoluten Irrsinn". Die Kreditwürdigkeit von Spanien ist bereits zurückgestuft. Die wirtschaftlichen Daten für Spanien sehen alles andere als gut aus. 20 Prozent Arbeitslosigkeit, in strukturschwachen Regionen in Andalusien teilweise fast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit und rasant steigende Staatsschulden: die ersten Sparpakete sind bereits geschnürt. Spanien hat Jahrzehnte lang alles auf ein Pferd gesetzt: die Bauindustrie, die mit dem Immobilienmarkt zusammengebrochen ist und den Spaniern jetzt eine doppelt so hohe Arbeitslosigkeit wie Griechenland eingebracht hat.

Spanien vor dem aus?
Zwar steht Spanien von den wirtschaftlichen Daten noch besser da als Griechenland - allerdings ist man sich der Macht der Glücksspieler nicht sicher. Sicher ist nur, dass auch hier harte Einschnitte bei den Bürgern durchgesetzt werden. Wenn Spanien in den nächsten Monaten tatsächlich nach Hilfe rufen sollte, dann droht auch ganz Europa in die Hand der Spekulanten zu fallen. Die Renditen für 10-Jährige Staatsanleihen sind in Griechenland bei 9,8 % und in Spanien derzeit um 0,1 Prozent auf 4,8 % gestiegen - der Markt vertraut den Spaniern immer weniger. Da hilft momentan auch Zapateros Versicherung nicht, dass er 2013 das Haushaltsdefizit wieder im Rahmen von 3% hat. Und schlussendlich hat der Markt immer Recht - eben auch wenn er nicht Recht hat. Das Problem scheint aber woanders zu liegen, denn die Spekulanten handeln nach gesetzlichen Mitteln und sind aufgrund des Konkurrenzdrucks auch dazu gezwungen mitzumachen, vor allem die Banken. Waren es in den 70er und 80er Jahren vor allem Lebensmittel, Rohstoffe und Immobillien betroffen, so sind es heute ganze Staaten.

Sollte Spanien zahlungsunfähig werden, wäre die Währungsunion wohl am Ende. Die verantwortlichen Regierungschefs sollten ernsthaft an Alternativen und neue Regeln auf den Märkten denken - Zuversicht allein reicht da nicht.

Artikel in der el País: http://www.publico.es/espana/310330/zhttp://www.elpais.com/articulo/espana/Zapatero/Rajoy/acuerdan/ref ormar/Ley/Cajas/meses/agilizar/fusiones/elpepuesp/20100505el pepunac_1/Tesapatero/rajoy/reunen/ataque/especuladores
Jonas W.
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