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18. August 2017
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  Barcelona - Ein Reisebericht
 
 
 
Jonas W.
Ein reisender Politologe, den es für einige Monate nach Madrid verschlagen hat. 2009 mit Uni-Abschluss in Frankfurt/Main entschloss ich mich noch (...)


"Die große Zauberin" nannte der katalanische Dichter Joan Maragall seine Stadt vor 101 Jahren. Der Nachklang hallt auch heute noch nach und die eitle Stadt am Mittelmeer hört diesen auch sehr gerne. Er wird auch hinter ihrem Rücken, in den Straßen, Ateliers und Cafés der restlichen Welt, geflüstert und erneuert. In der Tat verstummen die Autoren nicht, die das Geheimnis der Stadt und das Lebensgefühl mit Magie erklären. Wir drei Studenten flogen daher in der Semana Santa von Madrid nach Barcelona - um zu erfahren, ob man dem verführerischen Bann der großen Zauberin wirklich nicht widerstehen kann.

(Jonas W.) -

Der Blick über die Stadt

Hinflug
Da keiner von uns über festes Einkommen verfügt, bleibt uns nur die günstigste Variante, um nach Barcelona zu kommen: Das Flugzeug. Um 7 Uhr Morgens geht unser Flieger von Madrid nach Barcelona. Eigentlich genug Zeit für einen Kaffee und kleines Frühstück am Flughafen - wie man das so in unserer übereffizienten Welt macht. Am Check-In Schalter angekommen, warten wir eine halbe Stunde und werden doch langsam etwas unruhig, der Flieger soll ja bereits in einer dreiviertel Stunde abheben. Vor uns steht eine unerträglich langsame Warteschlange, vollgepackt mit Gepäck, natürlich am sin equipage-Schalter - wo dann doch wieder etwas Effizienz angebracht wäre. Neben uns öffnet und schließt einen Augenblick Jonas W.später ein weiterer Schalter: Barcelona - Last minute. Während wir noch über die Spätzügler ohne Reservierung scherzen, kommt uns doch langsam der Gedanke, dass wir vielleicht falsch anstehen - lieber mal Nachfragen: "Ja, einchecken müssen Sie hier." Das unfreundliche Flugpersonal öffnet den Schalter also noch einmal für uns und ein Dutzend Anderer, die ebenfalls von der Schalter-Anzeige fehlgeleitet wurden. "Hier ihre Platzkarten, aber rennen Sie, in 2 Minuten schließt der Gate" - also schnell los und keine Kompromisse. In der Sicherheitskontrolle verlieren wir dann wertvolle Minuten - ganz gemächlich forderte man uns auf: "Schuhe bitte ausziehen, Gürtel ablegen und Taschen öffnen." Nach der Kontrolle, 5 Minuten zu spät, rennen wir in Socken und unseren Gürteln in der Hand durch die Halle zum Abflug-Gate - Gerade noch geschafft. Ein tolles Gefühl, welches bestimmt jeder einmal haben wollte, der früher regelmäßig Agentenfilme geschaut hat. Den Kaffee gab es dann überteuert im Flugzeug - aber den hatten wir uns verdient.

Ankunft in Barcelona - 1.Tag
10 Uhr Morgens, in der Nähe des Plaça de Catalunya; die Sonne bringt die ersten warmen Sonnenstrahlen zustande. Frühstück in einem Café - draußen. Die Zauberin zeigt uns ihr morgendliches Lächeln. Die Menschen sind freundlich, das Frühstück - Bocadillo und einige lokale Süßspeisen - schmeckt uns und der erste Ausblick auf die Stadt berauscht uns. Wir lassen unsere Blicke über die Häuserfront wandern und stellen uns vor hinter den Fenstern zu sein, dort einzuziehen und zu bleiben. Jonas W.Nach dem Frühstück geht es über die Rambla: Barcelonas riesige Touristenmeile und die verstopfte Hauptschlagader der Zauberin Barcelona. Die Stadt bekommt ihre Lebensenergie schon lange nicht mehr von dort - Touristen, billige Souvenirläden, teure Preise und ein hektisches, ungemütliches Treiben verklumpen die Ader der Stadt. Der Puls kommt heute durch die unzähligen Gassen und Nebenstraßen einiger Viertel, die die Stadt mit Leben füllen: eines davon ist Gràcia. Ein kreatives, belebtes und junges Künstlerviertel im Norden der Stadt - welches wie viele andere auch von der Gentrifikation bedroht ist. Die Stadt wechselt in Grácia ihr Erscheinungsbild. Abgekommen von den riesigen Straßen und Kreuzungen finden wir hier chaotisch verteilte kleine Straßen und verwinkelte Gassen, alte und extravagante Häuser und dann erscheinen uns plötzlich belebte und einladende Plätze. Jonas W. Nachmittags gehen wir weiter in den Norden - zum Park Güell. Vor ca. 100 Jahren entwarf und arbeitete der wohl berühmteste katalanische Architekt Antoni Gaudí an dem Park, der in seinem unvergleichlichen Jugendstil einen sofort in seinen Bann zieht - seit 1984 gehört er außerdem zum UNESCO-Weltkulturerbe. Ständig karren überteure Touristenbusse Unmengen von Touristen an - dem entsprechend kann man den Eingangsbereich des Parks auch kaum genießen. Etwas hoch gewandert, mit einer tollen Perspektive auf Barcelona, machen wir eine kleine Pause. Neben uns eine kleine Gruppe von Spaniern, die unsere staunenden Blicke auf die Stadt und das Meer mit akkustischer Gitarrenmusik begleiten. Gegen Abend gehen wir zur osterlichen Prozession. Ein Menschenmeer aus Gläubigen und Touristen stehen dicht gedrängt um die Protagonisten herum. Riesige schwere Statuen werden zu rhythmischen Trommeln langsam vorwärts bewegt, die Zuschauer klatschen oder schauen gespannt zu, Fotoapparate knipsen und Weihrauch umhüllt das Spektakel: Das alles versprüht einen mystischen Charme. Wir machen selber noch ein paar Aufnahmen und verlassen den dicht gedrängten auratischen Ort.

2. Tag - Kulturprogramm
Gestern sind wir viel gelaufen - Barcelona ist doch weitläufiger als Madrid und man kann viel durch die Stadt wandern. Uns tun die Füße weh, aber das macht nichts - wir freuen uns auf die weiteren kulturellen Highlights. Auf zur Sagrada Família: Eine römisch-katholischen Basilika und das religiöse Herz der großen Zauberin. Jonas W.Die Basilika wurde ebenfalls von Gaudí im neukatalanischen Stil entworfen und 1882 begonnen, jedoch ist sie bis heute nicht vollendet. Finanziert wird der komplizierte und teure Bau durch Spenden. Gaudí wurde 1926 vor der Baustelle seiner Kirche von einer Straßenbahn erfasst und verstarb kurze Zeit später - er wurde in der Krypta der Kirche beigesetzt. Heute ist die Sagrada Família eine der berühmtesten Kirchen und Baustellen der Welt. Im Jahr 2004 kamen allein 2 Millionen Besucher, mehr als ins Prado oder die Alhambra. Trotz der 12 Euro Eintritt wollten wir uns anstellen und uns das Weltkulturerbe von innen anschauen. Doch die Touristenbusse, die uns zu Verfolgen schienen, haben schon seit dem frühen Morgen Besucher aus aller Welt an die Warteschlange gebracht. Fast scheint es so, als sei der Papst persönlich da - dabei kommt der erst am 7. November 2010, um den Altar der Basilika zu weihen. Enttäuscht und froh den Eintritt gespart zu haben schlendern wir weiter durch die Stadt. Eine andere Sehenswürdigkeit von Gaudí steht nicht weit, in der nähe des Plaça de Catalunya, die Casa Batlló - das Glanzstück von Gaudí. Das Haus besticht durch die Vollendung des katalanischen Jugendstils. Jonas W.Die Formen sind geschwungen und wirken Märchenhaft. Das Haus kann besichtigt werden, allerdings schrecken uns der Eintritt (18 Euro) und die Wartezeit ab. Von außen wirkt die gesamte Architektur der Stadt auf uns Besucher ein und vereinnahmt unsere Blicke - der Zauber wirkt. Doch die Preise und die Menschenmenge holen uns immer wieder in die Realität zurück. Also unterbrechen wir das Kulturprogramm für ein paar Stunden am Strand. Barcelona hat seinen Strand erst zur Olympiade 1992 wiederentdeckt. Damals wurde die breit angelegte Strandpromenade gebaut und Barcelona wieder zum Meer geöffnet, welches die Zauberin Barcelona - so scheint es uns - zum Luft holen und Durchatmen dringend braucht. Abends sehen wir uns in einer internationalen Jugendherbergs-Kneipe Barcelonas Fußball an. Der FC Barcelona spielt gegen Athletic Bilbao - Endergebnis: 4 zu 1 für Barcelona, die das Spiel mehr zaubern als spielen. Die Experten an der Theke analysieren die Begegnung und nippen gemütlich an ihrem Bier. Wir sind uns indes einig: FC Barcelona, das ist Jugendstilfussball - keine Ecken, keine Kanten, sondern locker vom Fuß und schön anzusehen. Der FC Barcelona ist, gemäß seines eigenen Mottos „més que un club“ (Mehr als nur ein Verein) eine kulturelle Einrichtung. Jonas W.Für Katalonien symbolisiert der Verein eine nationale katalanische Heimat und Freiheit, für einige spanische Intellektuelle steht er auch für Demokratie und Solidarität. Ausdruck davon ist auch die erste Trikot-Werbung der Mannschaft seit über 100 Jahren ohne Sponsor: Es ist das Kinderhilfswerk UNICEF, welches der Verein auch mit einer eigenen Stiftung unterstützt.

3. Tag - Kulturprogramm II
Barcelona gilt auch als Hauptstadt der Taschendiebe und auch wir erleben einige brenzlige Situationen. Zwischen geschickten Ablenkungsmanövern, offenen Rucksäcken und dreisten Taschen aus der Hand reißen gibt es in Barcelona den ganzen Kanon der Diebstahltricks zu bewundern. Wir sehen einige Touristen mit verlorenen Pässen, eine beklaute und weinende junge Frau am Straßenrand. Von nun an halten wir unsere Sachen festumklammert am Körper und trauen niemandem mehr. Die Sorge um sein Hab und Gut kann einem den Aufenthalt sehr angespannt machen: also gehen wir wieder etwas nach Außerhalb. Auf dem Weg begegnet uns eine kleine unscheinbare Ausstellung: Eine erst seit kurzem zugängliche unterirdische Bunkeranlage der Republikaner aus dem spanischen Bürgerkrieg (nur Samstag und Sonntag geöffnet, mit Führungen auch in Kastilisch.) Wir entschließen uns kurzer Hand daran teilzunehmen. Der Leiter der Führung ist ein vollbärtiger und unterhaltsamer Mann, der uns durch die Katakomben führt. Die Einrichtung wurde erst durch die Regierung Zapatero möglich. Wir erfahren einiges über Barcelona im Bürgerkrieg, die Zivilbevölkerung auf der Suche nach einer sicheren Zuflucht vor Francos Bombardierungen und die Konstruktion der Anlage. Jonas W.Barcelona war eine Hochburg der spanischen Republik im Bürgerkrieg (1936-1939). Hier organisierte eine Allianz aus Sozialisten und Anarchisten das Leben und entwarfen eine der spannendsten sozialen Experimente der Geschichte, bis sie sich den Truppen von Franco geschlagen geben mussten. Auf Seiten der Republik kämpften nicht zuletzt Freiwillige aus ganz Europa und auch bekannte Intellektuelle wie Georg Orwell (Der darüber seinen Roman Mein Katalonien schrieb) oder Ernest Hemmingway. Heute noch wispert die Stadt manchmal diesen befreienden anarchistischen Ton - es gibt immernoch dutzende besetzte Häuser in Barcelona, viele links-kulturelle Einrichtungen und heterogene Lebensweisen. Danach gingen wir zum katalanischen Nationalmuseum, welches jeden ersten Sonntag im Monat kostenlos ist, leider aber nur bis 14 Uhr geöffnet. So wurden wir auch hier von unserem Kulturprogramm abgehalten - also weiter - auf der Suche nach der katalanischen Kultur. Einige Stunden Wanderung um das Olympia-Gelände weiter, kommen wir dann auf einen großen Friedhof: Cementiri de Montjuic. Ende des 19 Jahrhunderts begann man aufgrund von Platzmangel den Friedhof auf einer Bergkuppe zu errichten. Einige berühmte Regimegegner liegen hier begraben, deren Namen oft erst nach Francos Tod hinzugefügt wurden. Der Friedhof ist riesig und erinnert mehr an eine Totenstadt. Wir verlaufen uns. Eine Bushaltestelle gibt es zwar, doch der letzte Bus ist gerade gefahren. Nach einer Weile in der brennenden Sonne entdecken wir einen alten kleinen Wagen, mit einem älteren Herren. Er besucht jeden Sonntag das Grab seiner Mutter, erzählt er uns. Ein herzensguter Mann, der uns dann wieder ins Zentrum der Stadt mitnimmt. Zwischen der Güte des älteren Mannes und den Taschendieben verspüren wir den Zauber der Stadt - der Menschen. Und die Zauberin zeigt sich wieder: manchmal bedrängt sie einen, manchmal fesselt sie. Abends gehen wir dann zu unserem Hotel zurück. Auf dem Weg über die ungemütliche Rambla tönt nachts um 1 plötzlich laute Livemusik. Wie hypnotisiert bewegen wir uns zu dem Epizentrum, welches von begeisterten Nachtschwärmern umringt wird. Eine Gruppe von 5 Männern spielt und singt leidenschaftlich katalanische Volkslieder, verteilt Liedtexte und sie scheinen einer politischer Botschaft Ausdruck verleihen zu wollen. Nach 15 Minuten kommt die Polizei auf zwei Motorrädern angefahren und es ertönt ein Warnruf - die Musiker nehmen ihre Instrumente, winken noch einmal und sind sofort in den dunklen Gassen Barcelonas verschwunden - und die große Zauberin hat wieder Puls in Ihren Adern. Jonas W.

Vierter Tag - Abreise
Es ist soweit, den letzten Tag entspannen wir uns, gehen noch einmal ans Meer und gemütlich durch die Gassen. Barcelona zieht einen an, aber es zwingt niemanden. Es scheint fast so, als helfe der Jugendstil und die Gothik - die Architektur der Stadt - , alles Erstarren unmöglich zu machen. Die Stadt fließt, ist unruhig und ständig in Bewegung. Mir schien es oft, als lebe der Zauber gerade immer da auf, wo die Stadt sich nicht bis in die kleinste Nische hinein vermarktet. Und wenn man Barcelona besucht, dann sollte man schnell schauen, wo die Touristen sind - und in die entgegengesetzte Richtung gehen: wer die Zauberin entdecken will, der muss genau da suchen - der findet warmherzige Menschen und einen freiheitsliebenden Geist, der durch Barcelona streift. Die große Zauberin lässt uns gehen. Wir freuen uns wieder auf Madrid - was uns jetzt doch noch authentischer als Barcelona erscheint. Aber etwas hat Barcelona, etwas Einzigartiges. Der Zauber ist da und fesselt einen. Genau so wie es der katalanische Dichter Joan Maragall in seinem Gedicht oda nova a Barcelona von 1909 beschreibt. Das sind die letzten Zeilen aus dem katalanischen Gedicht:

„So wie du bist, so will ich dich
oh böse Stadt: wie ein verhängtes Übel bist du, es geht von dir aus
denn du bist eitel und feig, verräterisch und roh,
daß wir die Augen niederschlagen müssen,
Barcelona! und mit allen deinen Sünden, unser! unser!
Unser Barcelona! die große Zauberin!"

Wenn man da war, weiß man wie wahr es noch heute ist und das Barcelona sich immer dann wieder neu erfindet, wenn es unterzugehen droht - Barcelona, die große Zauberin.

Die Touristenseite Barcelonas: http://www.barcelonaturisme.com/
Jonas W.
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