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1. Mai 2017
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  Kultur- und Konsumstadt Madrid
 
 
 
Jonas W.
Ein reisender Politologe, den es für einige Monate nach Madrid verschlagen hat. 2009 mit Uni-Abschluss in Frankfurt/Main entschloss ich mich noch (...)


Madrid scheint immer mehr zur Tourismus und Konsumstadt zu werden. Aber es regt sich Widerstand - Einige Bürger gründen Initiativen, schreiben Blogs oder planen kreative Aktionen. Das Problem der Gentrifizierung ist längst in Spanien angekommen - abzuwarten bleibt, ob die Proteste Wirkung zeigen oder Madrid das Schicksal von New York oder Paris einholt.

(flickr.com/photos/tripu) -

Das Patio Maravillas

Madrid erlebte nach Francos Tod eine wilde Subkulturisierung. In New York, Rom, London oder Paris liefen diese Prozesse in den sechziger Jahren ab. Das weitgehend isolierte und repressive Spanien ließ in dieser Zeit kaum Spielräume für eine Aneignung des öffentlichen Raums, jenseits von Staat und Kontrolle, zu. Besonders Madrid wurde in den siebziger und achtziger Jahren von einer impulsiven Kulturentwicklung von unten geprägt. Die Künstlerbewegung Movida Madrileña entstand in dieser Post-Franco Zeit, in der die alte Ordnung zerbrochen war und neue Möglichkeiten und Lebensstile erst langsam entdeckt werden konnten. Der bekanntester Vertreter der Movida Madrileña ist wohl Pedro Almodóvar, der in seinen Filmen immer wieder in das Ursprungsviertel Malasaña zurückkehrt. Heute bedrohen organisierte Prozesse die kulturelle Vielfalt der einstigen wilden Viertel.

Flickr.com/photos/herzeleydUmstrukturierung Madrids
Die Regierung mit Hilfe der EU, der Stadrat und private Investoren begannen in den neunziger Jahren eine tiefgreifende Umstrukturierung Madrids. Gezielt wurden bestimmte Viertel aufgewertet und die Kunstszene im Untergrund aufgewertet– Durch diese Maßnahmen wurde die lebhafte Subkultur mehr und mehr zum Mainstream. Besetzte Häuser wurden vielfach geräumt oder in offizielle Kulturzentren umgewandelt. Für die Stadtplaner gewannen der Tourismus, die Freizeitstrukturen und die Einkaufsmöglichkeiten (In der Fachsprache spricht man auch von der postfordistischen Stadt) immer mehr an Bedeutung. Im Zuge dieser Umstrukturierungsmaßnahmen eröffnete 2003 das Madrid Xanadú – eine der größten Shopping-Malls in Europa. In dieser finden alleine 15 Kinos, 222 Geschäfte und eine künstliche Skihalle Platz. Das Multikulturelle Viertel Lavapiés wurde ende der neunziger Jahre mit Nachdruck restrukturiert. Die EU und der Stadtrat riefen den Plan: „Lavapiés, intervención y rehabilitación 1998-2008” ins Leben, mit dem bis heute bereits über 8000 Projekte verwirklicht worden sind – nicht ohne Protest der betroffenen Bevölkerung. Experten nennen diese Phänomene Gentrifizierung.

Gentrifizierung - ein globales Problem
Diesen Prozess kann man kurz zusammenfassen: Menschen mit wenig oder keinem Einkommen (Künstler, Studenten oder Migranten) siedeln sich meist in günstigen Stadtteilen an. Das kulturelle und kreative Potential entfaltet sich dann in diesen Teilen der Stadt besonders stark. Die betreffenden Stadtviertel entwickeln sich dadurch schnell zu Szenevierteln und werden teurer – besonders in Verbindung mit neuen Luxusgebäuden und konsumorientierten Strukturen. Dazu kommen ein höheres Einkommen der fertigen Studenten und erfolgreich gewordenen Künstler. Die Einwohner mit niedrigen Verdiensten werden mit den gestiegenen Lebenskosten aus den Vierteln vertrieben. Dieser Prozess ist weltweit zu beobachten. Berühmte Beispiele sind SoHo in New York, das Schanzenviertel in Hamburg oder das teils umkämpfte Kreuzberg in Berlin. Aufällig ist die verstärkte Polizeipräsenz des Staates immer dort, wo die „Veredelung“ der Stadtteile auf Widerstand stößt.

Flickr.com/photos/GaelxInvestionsmöglichkeiten in Madrid
Den Investoren verspricht die Aufwertung der Stadtteile eine lukrative und schnelle Rendite. Investitions- und Spekulationsmöglichkeiten vor allem bei Wohnraum und Geschäften ziehen Kapital in die Städte – die Reorganisation der Stadtteile wird daher von den meisten Städten logistisch oder finanziell unterstützt. Wie auch in Madrid – dort stehen einige dieser Aufwertungsprozesse auch in Verbindung mit den Olympia-Bewerbungen. Nach den gescheiterten Bewerbungen für 2012 und 2016 will sich die Stadt Madrid für 2020 oder 2024 wieder bewerben. Ein Viertel, dass die Olympia-Planer besonders in Augenschein nahmen ist Lavapíes.

Lavapíes - alles neu, vieles teurer
Bis Ende der achziger Jahre lebten im alten jüdischen Viertel Lavapiés vor allem ältere Menschen mit niedrigen Renten. Diese wohnten oft in kleinen Wohnungen oder Zimmern (corralas). Ab den neunziger Jahren zogen dann vermehrt Migranten und Geringverdiener in das Viertel. Steigende Mietpreise führten anschließend zu einer Welle von Hausbesetzungen, die bis heute einige soziale Zentren hervorgebracht haben, aber ansonsten weitgehend verschwunden sind. Ab den späten Neunzigern setzte der Plan „Lavapiés, intervención y rehabilitación 1998-2008” an. Mehr als 8000 Maßnahmen hat die Stadt Madrid mit eigenen und EU-Geldern inzwischen umgesetzt – nicht immer zur Zurfriedenheit der Anwohner. Aufgrund der steigenden Miet- bzw. Gesamtlebenskosten setzten sich immer mehr Bürger zur Wehr – inzwischen gibt es zahlreiche Blogs, Bürgernetzwerke und andere kreative Protestaktionen – wie ein gemeinsam besetzter und kollektiv genutzter Garten[1]. Die Maßnahmen zur Aufwertung des Viertels werden von intensiver Polizeipräsenz und den verstärkten Einsatz von Überwachungskameras begleitet[2].

flickr.com/photos/tripuMalasaña - Epizentrum Spaniens Jugendkultur
„Me gusta la canela, me gustas tú. Me gusta el fuego, me gustas tú Me gusta menear, me gustas tú. Me gusta la Coruña, me gustas tú. Me gusta Malasaña, me gustas tú." Wer erinnert sich nicht an diese Zeilen aus dem Welt-Hit von Manu Chao aus dem Jahr 2001, Me Gustas Tú? Der Musiker besingt in dem Lied seine liebsten Dinge und Orte – darunter auch Malasaña in Madrid – den Geburtsplatz der Movida Madrileña und das Epizentrum der Jugendkultur in Spanien nach Franco. Doch Manu Chao scheint schon länger nicht mehr dagewesen zu sein, denn Malasaña hat sich verändert. Die belebte Verbindungsstraße Fuencarral, zwischen Malasaña und Chueca, war einst der Platz für die kreativen Menschen in Madrid. Hier verbanden sich der Charme anarchistischer Freiheit und kultureller Vielfalt. In Chueca entfaltete sich schnell die Homosexuellen-Szene und Malasaña wurde zum spannendsten Ausgehviertel Madrids. Inzwischen beherrschen die Modegiganten wie Zara, Mango oder die Edelboutiquen das Straßenbild. Die Clubs und Kneipen sind teurer geworden und die letzten besetzten Häuser sind unentwegt von der Räumung bedroht. Wie das Patio Maravillas[3], welches seit zwei Jahren ständig politische und kulturelle Veranstaltungen organisiert und ein breites Angebot an kostenlosen Kursen anbietet, u. a. Salsa, Tango oder Schreibkurse. Natürlich gibt es sie noch, die kleinen und bunten Läden – doch diese müssen günstiger einkaufen und teurer verkaufen, um sich zu halten. Dieses marktgerechte Verhalten führt zu mehr Massenware und weniger Originalität. Geheimtipp ist Malasaña ohnehin nur noch in Reiseführern älteren Datums. Madrids Jugend auf der Suche nach dem Anderssein begibt sich auch immer seltener nach Malasaña; so titelte die el País kürzlich:„Fuencarral ya no es ’cool’“ - Fuencarral ist nicht mehr cool.[4] Flickr.com/photos/arkaitz_zubiaga

Triball - Die neue Konsumecke
Am Rande von Malasaña – Auf dem Weg, am Dreieck um die Straße Ballesta, begegnet dem orientierunglosen Flaneur eine offizielle Karte der Stadt Madrid – überschrieben mit dem Titel „Triball“. Erst beim recherchieren fällt auf: Die Stadt benennt ihre eigenen Gegenden nach Firmennamen[5]. Triball ist der Name eines Geschäftskonsortiums, um Sanierungsunternehmer und Investoren. Maravillas war vor allem durch SexarbeiterInnen, Bordelle, Nachtclubs, kleine Telefonläden und Lebensmittelgeschäfte geprägt. Das Konsortium hat vor einigen Jahren ca. 95 Prozent aller gewerblichen Räume und Plätze aufgekauft. Danach folgten Image-Aktionen, die das Ansehen des Viertels aufbessern sollten. In einem dritten Schritt wurden neue Geschäfte und Fastfood-Ketten überzeugt, sich in dem Viertel niederzulassen. Die konservative Stadtregierung von Madrid hat zusätzlich 500.000 Euro für neue Überwachungskameras bereitgestellt. Die Anwohner wehren sich mit Flickr.com/photos/miradadvacaDemonstrationen, nächtlichen Aktionen und kreativen Protesten – so eine Modenschau, bei der sich auschliesslich Prostituierte aus dem Viertel auf dem Catewalk befanden. Prostituierte, Anwohner und Geschäftsinhaber haben sich außerdem in der Initative Antitriball zusammengeschlossen [6].

Das Centro - Tourismus statt soziale Infrastruktur Auch gegen die Vermarktung des Zentrums regt sich Protest. Immer weitere Innenstadtbereiche werden touristisch erschlossen und gewinnorientiert eingerichtet, während gleichzeitig soziale Projekte und die soziale Infrastruktur vernachlässigt werden. Öffentliche Plätze werden von den Stadtverantwortlichen so weit wie möglich nur nach dem Konsum ausgerichtet. Es wird immer schwieriger irgendwo im Innenstadtkern zu verweilen, ohne dass man sich in ein Café setzen muss - welches in der Regel relativ teuer ist. Normales leben im Zentrum ist eigentlich nicht mehr möglich und in den angrenzenden Gegenden, ausgehend von der Plaza del Sol, wird es immer schwieriger. Die Stadt Madrid hat bereits die Botellones verboten[7] und die Prostitution weitgehend eingeschränkt, um das Zentrum aufzuwerten und den Tourimus zu fördern. Privatisierungen von öffentlichem Eigentum, einseitige Ausrichtung auf Konsum und verstärkte Polizeipräsenz sind die Grundstrategien der Stadt Madrid auch im Zentrum von Madrid[8].

Madrider Pläne und protestierende Bürger
Die Stadt arbeitet bereits an neuen Plänen und will an dem bisherigen Kurs festhalten. Die Tourismusförderung steht dabei ganz oben auf der Agenda. Aber die Bürger in Madrid wehren sich. Es gibt immer mehr Initiativen, Blogs, kreative Proteste und Demonstrationen. Das Unvertrauen in die spanischen Politiker[9] und die knappen Geldbeutel führen dazu, dass viele Madrilenen auf die Barrikaden gehen und sich versuchen den öffentlichen Raum wieder anzueignen.

Madrid auf dem Weg zur global city
Madrid ebnet sich mit allen Mitteln den Weg zu einer global city. Öffentliche Räume und öffentliches Eigentum werden privatisiert und überwacht. Für Madrid scheint es der einzige Weg zu sein neue Geldquellen zu erschließen. Nicht von der Hand zu weisen sind die neu geschaffenen Arbeitsplätze in der Region und die gestiegenen Touristenzahlen. Ein kultureller Schaden bleibt aber zu befürchten und die Auswirkungen auf das soziale Leben in Madrid sind noch nicht alle abzusehen. In anderen Städten kann man die negativen Folgen der Gentrifizierung genau festhalten: Auschluss und Vertreibung verschiedener sozialer Schichten und eine weitere Ghettoisierung in den Vorstädten könnten die schmerzhaften Folgen für Madrid sein. Abzuwarten bleiben auch die Erfolge der Gegenkultur und Proteste der Bürger in ihrer Stadt. Viele Kulturzentren in Madrid werden heute von Banken gesponsort und unterhalten – ob Banken und Finanzinstitutionen die Kultur verwalten sollten, ist dabei zumindest fragwürdig.

Wenn Madrid auf dem eingeschlagenen Kurs bleibt, dann droht ein Verlust an kultureller Vielfalt, sozialer Heterogenität und künstlerischer Kreativität. New York oder Paris haben vorgemacht, wie man es nicht machen sollte - Hier sollte die Stadt die Augen offen halten. Geld liegt in der Luft aber leider nicht auf der Straße, wo es genug Menschen in Madrid gibt, die es dringend nötig hätten und die allein so hoch nicht danach greifen können.

1 Blog des kollektiven Gartens in Lavapíes
2 Eine Reportage von Johannes Richter in der Madrider Zeitung
3 Homepage des Patio Maravillas und unser Artikel von Corinna W.
4 "Fuencarral ya no es ’cool" in der El País
5 Mehr auf dem Blog der Initiative Antitriball
6 Homepage der Initative Antitriball
7 Mehr zu den Botellónes bei uns in der Madrider Zeitung
8 Mehr auf dem Blog Centro de Madrid
9 Politiker gefährlicher als Terroristen - Johannes Richters Artikel

Jonas W.
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