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20. Oktober 2017
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  Das Ende des Spektakels? - Stierkampf in Spanien
 
 
 
Jonas W.
Ein reisender Politologe, den es für einige Monate nach Madrid verschlagen hat. 2009 mit Uni-Abschluss in Frankfurt/Main entschloss ich mich noch (...)


Der Stierkampf ist für die Spanier ein Politikum. Das katalanische Parlament wird ihn nun wahrscheinlich verbieten. Stierkampfgegner plädieren für die "Würde des Lebens" und die Anhänger befürchten das Ende der spanischen Kultur. Eine lebhafte Debatte begleitet die Entscheidungsfindung anfang März 2010.

(flickr.com/photos/ferper) -

Stierkampf - Tradition mit ungewisser Zukunft

Die Entscheidung über den Stierkampf soll noch vor dem Sommer fallen. Das katalanische Parlament hatte letztes Jahr ein Volksbegehren zum Verbot des Stierkampfes angenommen. 180.000 Bürger haben sich so in die parlamantarische Repräsentation der Debatte eingebracht. 30 ausgewählte Vertreter aus den Bereichen Wissenschaft, Kultur und Stierkampf diskutierten im Parlament drei Tage lang über die Zukunft der Tradition aus dem frühen 18. Jahrhundert.

Pro und Contra der Corrida de toros

Die Anhänger des Verbots argumentieren mit dem Leiden und der Würde der Stiere. Die Gegner führten dagegen an, dass der Stier bis zu seinem Tod ein fast luxeriöses Leben genießt und nicht etwa in der grausamen Massentierhaltung leiden würde. Die Stierkampfgegner würden hier ihre Doppelmoral offenbaren, wenn sie einerseits gegen den Stierkampf protestieren aber andererseits nichts gegen "Legebatterien und Massentierhaltung" unternehmen. Beide Seiten diskutierten leidenschaftlich bis an die Grenzen zum Populismus. Leidenschaft gehört auch zu den Argumenten von José Miguel Arroyo, ehemaliger Torero aus Madrid: "Es ist ein Spektakel, ein Gefühl, eine Leidenschaft des Lebens und des Todes, der Achtung und der Hingabe". Der Philosoph Jesús Mosterín hingegen vergleicht den Stierkampf mit der Beschneidung der Frau in Afrika und wurde dafür heftig kritisiert. Es gab aber auch mildere Töne, wie die des französischen Philosophen Francis Wolff, der sagte: "Dieser Brauch ist nicht nur ein nationales Fest für Spanien, sondern gehört längst zum Kulturerbe Südeuropas." Dagegen sprach sich der Physiker und Hochschulprofessor Jorge Wagensberg aus: "Und das soll nicht wehtun?" fragte er die Abgeordneten, während er den Degen eines Matadors demonstrativ an der blitzenden Spitze anfasste. Dann beschrieb er detaillert den Verlauf des sterbens der Tiere, bis zum Ertrinken an ihrem eigenen Blut - ausgelöst durch die präzisen Stiche des Torero.

Politik statt Kultur und Leidenschaft

flickr.com/photos/mikkokuhna Der Stierkampf wird immer unpopulärer. Nach einer Umfrage des Gallup-Instituts haben fast 70 % der Spanier kein Interesse an dem Spektakel, dem zudem ein Dasein als Altherren-Ereignis droht. Die alten Herren haben auch schon das Verschwinden der Stierkämpfe aus dem öffentlichen Fernsehen erlebt, welches 2007 die Übertragungen stark eingeschränkt hatte; Nun fürchten sie den Verlust der jährlich rund 2.000 Veranstaltungen in ganz Spanien. Die Tradition der corrida de toros spiegelt die konservativen und männlichen Tugenden der alten spanischen Gesellschaft wieder - Tapferkeit, Ehre, Stärke et cetera. Die konservativen Parteien sehen hier mögliche Wählerpotentiale, die sie mit ihrem Einsatz mobilisieren könnten. Die linken Parteien in den Regionalparlamenten interpretieren den Stierkampf als ein Symbol des alten zentristischen Spaniens, wogegen sie vorgehen möchten - auch hier nicht ohne an die Gunst der Wähler zu denken. Tatsächlich finden die Stierkämpfe in Madrid oder Andalusien mehr Zulauf als auf den Kanaren oder in Katalonien, die sich stark von der Hauptstadt abgrenzen wollen.

Nachhaltiger Wirtschaftsfaktor

Der Stierkampf ist ein enormer Wirtschaftsfaktor, wodurch sich auch eine starke Lobby entwickelt hat. Der Präsident der autonomen Gemeinschaft Extremaduras, Guillermo Fernández, bringt es auf den Punkt: Er verteidigt den Stierkampf mehr aus "ökonomischen als aus kulturellen Interessen". Allein in Extremadura existieren mehr als 300 Viehzüchter, die in Verbindung mit dem Stierkampf stehen. Für Fernández ein "nachhaltiger" Wirtschaftszweig. In ganz Spanien gibt es ca. 1.200 Zuchtbetriebe, die jährlich 1,5 Mrd. Euro Umsatz erwirtschaften. Der Stierkampf heute ist vorwiegend Politik, die aber kulturelle Wurzeln und emotionale Leidenschaft geschickt zu instrumentalisieren versteht.

Madrid betritt die Arena

Die Präsidentin der autonomen Gemeinschaft Madrid, Esperanza Aguirre, erweiterte die Debatte mit dem Vorschlag den Stierkampf als inmaterielles Weltkulturerbe unter den Schutz der UNESCO zu stellen. Würde der Stierkampf auf diesem Wege und von höchster Stelle zum Kulturerbe erklärt werden, wäre das zumindest eine moralische Ohrfeige für die Gegner. Aguirre will den Stierkampf aber zunächst per Gesetz zum nationalen Kulturgut machen und ihn mit "Denkmälern und Museen" auf eine Stufe stellen. Andere autonome Gemeinschaften, die von der konservativen Partido Popular regiert werden, wollen folgen. Das Gesetz hätte zur Folge, dass die Werte des Stierkampfs künftig in der Schule unterrichtet werden würden, Fördermittel beantragt werden könnten und Kritiker, die den Stierkampf verunglimpfen, müssten mit einem Bußgeld rechnen - außerdem wäre ein nationales Kulturgut natürlich nicht mehr zu verbieten.

Ritual und Tradition

Der Stierkampf ist wohl das letzte Ritual öffentlicher Tötungen in Europa. Leben und Tod sind auf der großen Bühne nicht nur Allegorie, sondern Realität. Der Stierkampf wirkt so als Refugium der spanischen und europäischen Romantik: Leben, Tod, Heldentum, Idealismus und Passion werden hier konserviert. Mit ihnen kommt in der Arena der Tod zurück in das öffentliche Bewusstsein, aus dem er in der Moderne verdrängt worden ist. Der theoretische Tod des Stierkämpfers, wenn auch selten geworden, liegt als Möglichkeit noch in der Luft und er stellt die grundsätzlichen philosophischen Fragen der Existenz. Das Spektakel erlaubt einen Blick auf das Ursprüngliche, nicht ohne dabei selber archaisch zu werden. Ca. 250 Jahre ist das Spektakel in den Arenen alt und etliche spanische und internationale Künstler haben es begleitet und tradiert. Darunter Francisco de Goya, Pablo Picasso oder Ernest Hemingway. Unzweifelhaft ist die corrida de toros ein Teil iberischer Kultur geworden - so sehen es auch die meisten Gegner. Es stellt sich aber eine andere Frage: Nämlich ob sich daraus ein allgemeines Existenzrecht des Stierkampfes ableiten lassen kann?

Lebhafte Demokratie

flickr.com/photos/ekinezsortu Die Debatte im katalanischen Parlament zeigt den Meinungspluralismus. Hier wird der Eifer institutionalisiert, den der vitale Diskurs hervorgebracht hat. Die Beteiligten bedienen sich aus der demokratischen Werkzeugkiste, um ihre Forderungen durchzusetzen. Initativen, Philosophen, Juraprofessoren und Abgeordnete beteiligten sich rege an der dreitägigen Generaldebatte im Parlament, die auch international beobachtet wurde. Selbst der Dalai Lama gehört zu den Unterstützern der Initiative gegen den Stierkampf. Viele zivilgesellschaftliche Akteure begleiten die Debatte mit Demonstrationen und Protesten.

Stierkampf in der Ethikfalle

Der spanische Stierkampf wird sich an einer Ethik des modernen Europas messen lassen müssen, ein Teil der spanischen Kultur ist er ohnehin und wird es auch bleiben. Wenn die demokratische Kulturentwicklung jetzt aber die Abschaffung der Praxis eines Kulturguts bedeutet, weil dieses grausam sei; dann ist das ebenfalls eine überaus schützenswerte Kulturleistung. Diese könnte sich in Spanien tatsächlich darin ausdrücken, dass eine eigene alte Tradition verboten wird, weil sie mit der neuen Ethik unvereinbar geworden ist.

Die Madrider Regierung aber wirkt in der Stierkampfdebatte wie der alternde Don Quiote, der die aussterbende Tradition des Rittertums bis in den Wahn nicht ertragen konnte und in den Kampf zog. Wobei die Verantwortlichen überdenken sollten, dass die Kultur vielleicht mehr durch die kulturindustriellen Konterfeis der Stiere auf den Souvenirartikeln gefährdet ist, als durch ein demokratisch legitimiertes Verbot des Spektakels.

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