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23. August 2017
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  Big Brother in Lavapiés
 
 
 
Johannes Richter
ERASMUS 08/09 an der Facultad de Ciencias Politicas y Sociología der UCM, jetzt erneut dem Bielefelder Herbst entflohen, um nochmal drei Monate (...)


48 Kameras sollen bis Ende 2009 im Madrider Barrio Lavapiés installiert werden, um, wie es heißt, die Sicherheitslage zu verbessern. Die Meinungen dazu sind im Stadtteil gespalten. Einige machen mit Grafitti, Stickern und Plakaten deutlich, dass sie mit den Überwachungsmaßnahmen gar nicht einverstanden sind.

(Johannes Richter) -

Rund 3/4 der Spanier befürworten Videoüberwachung generell. Die Zustimmung sinkt jedoch schnell, fragt man nach konkreten Orten wie Schulhof, Büro oder öffentlichen Plätzen.

“Lächle, du wirst gerade aufgenommen!” Ein ironischer Spruch und eine typisierte Überwachungskamera, gesprüht an eine Häuserwand in Lavapies. Der Madrid-Neuling schaut sich verwundert um. Der Barrio ist doch quasi das ’Kreuzberg Madrids’, in den Straßen, Bars und kleinen Läden wimmelt es von Menschen aus aller Herren Länder: Pakistaner, die die Gastronomieszene fest in ihrer Hand haben, Afrikaner, die den riskanten Weg über das Mittelmeer gewagt haben, alternative Spanier und Latinos mit Rasta-Locken und anarchistischen Slogans auf dem T-Shirt. Videoüberwachung im quirligen und wilden Lavapies?

Nur ein paar Meter weiter stößt man an einer Straßenecke auf eine der ersten bereits installierten Kameras, die sehr viel moderner als das gesprühte Modell daherkommen. Versteckt hinter einer dunklen Glashalbkugel ist die Kamera kaum als solche zu erkennen. Ein großes amtliches Schild macht sicherheitshalber darauf aufmerksam, dass dies hier eine videoüberwachte Zone ist.

Auf einem Verkehrsschild pappt ein Aufkleber mit dem Gesicht des Madrider Bürgemeisters, darunter steht drohend “Der große Bruder sieht dich an”. ’Lavapiés 1984/Un Barrio Feliz’ nennt sich die Kampagne gegen die verstärkte Überwachung im Viertel. Die klassischen Dystopien total-kontrollierter Gesellschaften, Orwells ’1984’ und Huxleys ’Schöne neue Welt’, stehen Pate für ihr Engagement. Mit Informationsveranstaltungen, Unterschriftenaktionen, Aufklebern und einem Plakatwettbewerb machen sie auf ihre Sache aufermerksam. Johannes Richter

Angst vor dem großen Bruder

David ist Bewohner von Lavapiés und Mitorganisator der Gegenkampagne. In einer Bar nahe der Metrostation erläutert er bei einer Tasse Tee die Befürchtungen, die dahinterstehen: “Wohin führt es, wenn wir an jedem sogenannten ’Kriminalitätsschwerpunkt’ eine Kamera aufstellen? Auch in Häusern gibt es Kriminalität. Gewöhnt man sich erstmal an dieses Vorgehen, folgt schnell ein Schritt auf den anderen, eine Kamera auf die andere. Die Frage ist: Inwieweit befinden wir uns schon in ’1984’?”

Diese Sorgen kann Isabel nicht nachvollziehen, vielleicht auch, weil sie Big Brother nur mit der gleichnamigen TV-Show in Verbindung bringt. “Es gibt einen großen Unterschied zum Big Brother, den wir alle kennen. Das zeigen sie im Fernsehen und jeder kann es rund um die Uhr sehen. Hier sieht es eine autorisierte Person, und das war es”. Die Mittfünfzigerin ist Mitglied von ’Distrito 12’, eine der Vereinigungen von Bewohnern und Geschäftsleuten von Lavapiés, die die Videoüberwachung vor drei Jahren beim Stadtrat beantragt hatten. Dieser genehmigte schließlich im März 2009 die Installation von 48 Kameras, verteilt über den gesamten Barrio.

In ihrem Möbelgeschäft erläutert Isabel die großen bürokratischen Hürden, die für eine Sichtung und rechtliche Verwendung der Videoaufnahmen zu nehmen sind. Der Großteil werde sowieso niemals als Beweismittel gebraucht und daher automatisch nach sieben Tagen gelöscht. Nicht zuletzt führt sie ein bei Überwachungsgegnern bereits berüchtigtes Argument an: “Wer nichts Falsches tut, muss auch nichts befürchten.” Genau das aber zieht bei David und seinen Mitstreitern nicht: “Ich bin ein Bewohner der Nachbarschaft, so normal wie jeder andere auch. Und ich habe viele Dinge zu verbergen, muchísimas!” Schon die reine Präsenz einer Kamera verhindere, dass man sich im Viertel frei und unbeschwert bewegen könne. Johannes Richter

Gesunkene Verbrechensrate

Doch was sagen eigentlich die anderen Einwohner von Lavapiés zur Kameraüberwachung? Vertreten alle so eine klare Pro- oder Contra-Meinung? Fatima und Sara sitzen auf einer Bank am Rande der Plaza de Lavapiés, dem geografischen und sozialen Mittelpunkt des Viertels. Von den Plänen hören sie zum ersten Mal. “48 Kameras? Uff, das sind viele, oder?” Die jungen Mütter finden die Anzahl zwar übertrieben, das Vorhaben selbst jedoch nicht unbegründet. Vor vier oder fünf Jahren hätten viele Probleme hier zugenommen, Diebstähle, Raubüberfälle und Agressionen.

Fatima, ihre zweijährigen Tochter auf dem Schoß, gibt jedoch auch zu bedenken: “Jetzt gerade ist es sauber, schau, alle Menschen sind ruhig, mir passiert nie was,” Die - auch offiziell - gesunkene Verbrechensrate ist in erster Linie auf die vor knapp zwei Jahren verstärkten Polizeipräsenz in Lavapiés zurückzuführen. Am anderen Ende des Platzes, vor dem Centro Dramático Nacional, betrachten auch in diesem Moment zwei Polizisten hoch zu Ross die Szenerie, von Weitem zu erkennen an ihren neongelben Uniformen.

Spielplätze statt Kameras

Außerdem, so Fatima weiter, fehle es hier an vielen anderen Dingen. Was genau? Ihr Blick fällt auf die eingezäunte ’Zona Infantil’, eine Rutsche und zwei Wippen in der Mitte des Platzes. Auf vielleicht 35 Quadratmeter drängen sich hier die Kleinen. “Es fehlt ein großer Park für die Kinder.” Manolo von der Nachbarschaftsvereinigung La Corrala ist ähnlicher Meinung: “Wir halten die Installation der Kameras für keine schlechte Idee, aber sie jetzt anzubringen, in Zeiten der Krise, ist eine schlechte Investition. Die Verwendung der 600.000 € für die öffentliche Schule und für Spielplätze wäre zum Beispiel viel besser.” Johannes Richter

Drastischer drückt sich ein junges Pärchen von knapp 20 Jahren aus, das Arm in Arm auf den Treppen vor dem Centro Dramático Nacional sitzt. “Es wird sich überhaut nichts ändern, das sind alles Alberheiten. Und das Geld können sie dann nicht mehr ausgeben, um Essen für die Leute zu kaufen, die im Moment überhaut nichts haben.”

Gentrifizierung: Invasion von Zara und Starbucks?

“Nein, das wäre gut! Viele kommen zum Shoppen nicht hier runter, sie bleiben lieber oben beim Tirso de Molina, weil es dort etwas sicherer ist. ” In ihrem Geschäft für handgemachten Schmuck sitzt die lateinamerikanische Ladenbesitzerin auf einem kleinen Hocker und reiht geduldig Perlen auf eine Schnur. Von den geplanten Überwachungskameras hört sie zum ersten Mal, kann sich aber gleich mit der Idee anfreunden. “Hier rennt die Polizei oft rauf und runter. Es ist gut, wenn die das einrichten, dann gäbe es hier ebenfalls mehr Sicherheit. Und den Läden und auch uns selbst ginge es besser.”

Die Videoüberwachung ist ebenso wie die verstärkte Polizeipräsenz verbunden mit einem umfassenden Programm zur Aufwertung des Viertels, dem ’Plan de acción de Lavapiés’. David wirft Stadtrat und Geschäftsleuten eine forcierte Gentrifizierung vor, um den Barrio zu kommerzialisieren und attraktiver für Touristen zu machen. Grundstückspreise würden steigen, alteingesessene Lädchen durch Zara und Starbucks ersetzt, Ausländer und ärmere Bewohner aus dem Viertel verdrängt. Der Plan beinhaltet zwar auch Vorschläge für verkehrsberuhigte Zonen und Integrationsprogramme für Migranten, nach Ansicht seiner Kritiker stehen Kommerzialisierung und Kontrolle jedoch im Vordergrund. Johannes Richter

Öffentlicher Raum ohne Öffentlichkeit

Der Aktionsplan für Lavapiés ist aus Davids Sicht nur ein weiteres Symptom für einen fundamentaler Wandel des öffentlichen Raumes – ebenso wie beispielsweise das im Spätsommer erfolgte Percussions-Verbot im Retiro. Er warnt vor Privatisierung und Hyperregulierung, die jedes Zeichen bürgerlicher Spontanität verhindern würden.

Damit verbunden ist auch der Vorwurf mangelnder Transparenz und Dialogbereitschaft; Stadtrat und Vereinigungen wie Distrito 12 hätten die Pläne erarbeitet, ohne die Bewohner des Viertels einzubeziehen. Auch Manolo von der Nachbarschaftsvereinigung La Corrala merkt an, dass es vor der Entscheidung für die Kameraüberwachung nie ein offenes Treffen für alle interessierten Anwohner gegeben habe, um die Pläne zu diskutieren.

David und seine Mitstreiter von ’Lavapiés 1984/Un Barrio Feliz’ sorgen sich entsprechend nicht allein wegen der Kameras, sie sehen die Interventionsmöglichkeiten im öffentlichen Raum als solchem bedroht: “Es geht auch darum, Tag für Tag den Barrio selbst zu gestalten und mitzuentscheiden, was wir hier wollen und was nicht.”

Lavapiés 1984/Un barrio feliz

Plan de acción de Lavapiés

Johannes Richter
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  1 Kommentar / 1 Nachricht.
  Big Brother in Lavapiés
  18. Dezember 2009 12:44, von Maria
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Kameraüberwachung gibt es ja schon an vielen Ecken in Madrid. Z.B. auf der Gran Via, der Plaza Mayor und der Calle de Montera. Über den Nutzen hört man aber kaum was. Die Prostitution auf der Calle Montera gibt es bspw. immer noch, ob es für die Frauen wenigstens sicherer geworden ist?

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