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22. April 2017
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  “Ende eines bösen Experiments”: Podiumsdiskussion zum Fall der Mauer
 
 
 
Johannes Richter
ERASMUS 08/09 an der Facultad de Ciencias Politicas y Sociología der UCM, jetzt erneut dem Bielefelder Herbst entflohen, um nochmal drei Monate (...)


Ein runder Tisch zum Thema “Zeugnisse über den Mauerfall” in einer Universität außerhalb Madrids. Keine Veranstaltung, die auf junge Leute große Anziehungskraft ausübt, möchte man meinen. Doch das täuscht. Der Salón de Actos in den alten Gemäuern der Universidad de Alcalá ist ordentlich gefüllt.

(Johannes Richter) -

Löffler, Gutiérrez, Weinert, Breier, Cáceres Würsig, Reder.

An die 60 Studenten Anfang zwanzig sind gekommen, um aus erster Hand zu erfahren, wie das damals war mit Ost- und Westberlin, DDR und Fall der Mauer. Vielleicht liegt es an der allgegenwärtigen Berlin-Begeisterung junger Spanier, dass das Thema so viel Anklang findet.

Die deutsch-spanische Diskussion ist Teil des Internationalen Symposiums “ Der Berliner Mauerfall im Film”, den die Deutschabteilung der Universidad de Alcalá zum zwanzigjährigen Jubiläum desselben vom 09. bis 11.11.09 veranstaltete.

Das Podium ist bunt und international besetzt: Hans Günther Löffler (Botschaftsrat für Bildung und Kultur, Deutsche Botschaft Madrid), Sally Gutiérrez Dewar (Visual Artist, wohnhaft in Madrid/NY/Berlin), Stefan Weinert (Filmregisseur und Schauspieler) und Zsuzsa Breier (Gründerin der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa).

“Experiment Kommunismus endlich vorbei”

Zum Einstieg schildern die vier, wie sie den Tag des Mauerfalls erlebt haben. Während Löffler, Weinert und Breier die Ereignisse teils ungläubig vor dem Fernseher verfolgt hatten, war die Spanierin Gutiérrez in Westberlin live dabei: Sie erzählt von drei schlaflosen Nächten und intensivem Leben an all den Orten, die gerade noch unerreichbar waren.

Als Dolmetscherin firmiert Ingrid Cáceres Würsig. Zusammen mit Paloma Ortiz-de-Urbina und anderen von der Deutschabteilung der Universität organisiert sie diese und ähnliche Veranstaltungen, um das Interesse an deutscher Sprache und Kultur zu steigern.

Johannes RichterModeratorin Anja Reder vom Goethe-Institut bittet nun um die Einordung der Ereignisse in einen größeren Kontext. Die Ungarin Zsusa Breier betont, dass für sie “mit dem Mauerfall dieses böse Experiment Kommunismus endlich vorbei war.” Es habe sich gezeigt, dass Diktaturen sich trotz ihrer Waffen, trotz aller Gewalt und Unterdrückung nicht auf Dauer halten können. Stefan Weinert, der Dank einiger Jahre in Barcelona fließend spanisch spricht, kritisiert, dass in Deutschland oft der europäische Kontext der Ereignisse vergessen werde. Löffler und Gutiérrez kontrastieren die ostdeutsche Gemütslage mit der von polnischen und anderen osteuropäischen Intellektuellen und Künstlern. In anderen Ostblockstaaten habe man in den ’80ern bereits sehr viel freier gesprochen als in der DDR, auch in der Wendezeit sei die “Freude an der Freiheit” dort größer gewesen.

Die Angst, die der Euphorie vorausging

Mit Verweis auf den thematischen Rahmen des Symposiums geht es nun um die Bilder, die besonders im Gedächtnis geblieben sind. Sally Gutiérrez erzählt detaillierter von ihren Tagen in Berlin: Wie sie am 10.11. frühmorgens aufgestanden sind, um zur Mauer zu gehen, die aber noch von ostdeutschen Soldaten bewacht wurde. Wie junge Frauen mit Blumen in der Hand über die Mauerreste gesprungen sind. Wie sie in Kreuzberg gefeiert haben, Musikbeschallung von allen Balkonen. Wie sie die ersten Ostdeutschen im Westteil der Stadt trafen, denen der Kulturschock noch ins Gesicht geschrieben stand.

Regisseur Weinert spricht von ehemaligen Stasi-Gefangenen, Löffler von Fluchtversuchen, Tiananmen-Massaker, Leipziger Montags-Demonstrationen und weinenden Menschen, Breier von den surrealen Bildern des Todesstreifens, die von den Bildern der feiernden Mauer-Stürmer abgelöst wurden. Alle drei betonen die Kehrseite des euphorischen November ’89: die Gefahren, die Pressionen und vor allem die Ängste, die bis zum Mauerfall bestanden. siyublog / flickr.com

Mauern in den Köpfen

Zum Thema Aufarbeitung zeigt Botschaftsrat Löffler an selbst erlebten Beispielen, dass das in der DDR vermittelte Weltbild noch immer nicht ganz verschwunden sei und merkt an, dass es noch heute eine Partei gibt, die sich in gewisser Weise auf die DDR-Tradition berufe. Weniger diplomatisch-zurückhaltend nennt die Germanistin Breier die Partei Die Linke direkt beim Namen. Ihren hohen Stimmenanteil betrachtet sie ebenfalls als Hinweis, dass in Deutschland “etwas schiefgegangen ist mit der Aufarbeitung”. Zunächst jedoch lobt sie die Untersuchung der DDR-Vergangenheit als vorbildlich, dagegen stecke die Aufarbeitung in den osteuropäischen Ländern noch in den Kinderschuhen.

Und wie sieht es mit der Mauer in den Köpfen aus? Der gebürtige Kölner Weinert wundert sich, dass man in Berlin noch immer Leute treffe, die die (ehemalige) Ost/West-Grenze der Stadt nicht überschreiten. Klischees gebe es aber nicht nur zwischen Ost und West sondern ebenso zwischen Nord und Süd. Sally Gutiérrez zitiert hingegen eine befreundete Berliner Kunstprofessorin, deren Studenten seit Neuestem nicht mehr zwischen ost- und westdeutscher Herkunft unterscheiden. Einig sind sich alle, dass gegenseitiges Kennenlernen diese unsichtbaren Mauern früher oder später zum Einsturz bringt.

Die Künstlerin nutzt die Gelegenheit, an eine frühere Diskussion zwischen ihr und Zsuzsa Breier zum bekannte Statement “Es war nicht alles schlecht” anzuknüpfen. Während Gutiérrez dieser Einstellung angesichts von Krisenkapitalismus und “kleinen Konsummonstern” auf den Shulhöfen eine gewisse Legitimität zugesteht, will Breier davon nichts hören. Sie weist auf den fundamentalen Unterschied hin, die Freiheit der Wahl: “Meine Kinder haben auch im Kapitalismus keine Playstation.” VivaoPictures / flickr.com

Einreißen aller Mauern?

Im Anschluss können die Zuhörer Fragen stellen. Eine Studentin spricht den Botschaftsrat darauf an, dass sein Land "so viel gelitten" habe, bis in die jüngere Vergangenheit. Löffler verweist jedoch auf die eigene Verantwortung und die schwere Schuld der Deutschen. Diese hätten sie durchaus gefühlt und entsprechendend immer einen Wunsch nach Versöhnung gehabt.

Ein anderer Student möchte die Einstellung der Podiumsteilnehmer zu derzeit existierenden Mauern hören, z.B. zwischen den USA und Mexiko oder Israel und Palästina. Breier und Gutiérrez erinnern an die sehr schwierigen politischen Situationen, die dahinter stehen, auch wenn man generell gegen Mauern sei. Gutiérrez bezeichnet die Forderung, alle Mauern schnellstens abzuschaffen, als naiv, die Frage danach aber als berechtigt. “Ich hoffe, dass das wenigstens euch, in eurer Generation gelingt.” An dieser Stelle klatschte das junge Publikum spontan.

Johannes Richter
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