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23. März 2017
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  Sprachkunst und Performance beim Madrider Poetry Slam
 
 
 
Johannes Richter
ERASMUS 08/09 an der Facultad de Ciencias Politicas y Sociología der UCM, jetzt erneut dem Bielefelder Herbst entflohen, um nochmal drei Monate (...)


28. Oktober 2009, halb 10 abends. Die urige Kneipe mit ihren dicken Holzbalken an Wänden und Decken ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Kellnerin hat sichtlich Probleme, sich zu ihren spanischen, deutschen und schweizer Gästen durchzukämpfen, um Getränke und Rechnungen zu servieren. Im Libertad 8 Café in Chueca beginnt gleich, wie jeden letzten Mittwoch im Monat, der Madrider Poetry Slam.

(Johannes Richter) -

Ehrengast Richi Küttel auf der Bühne, im Hintergrund die "Schweizer Delegation".

Auf einer Holzbühne steht die Moderatorin Eloisa neben einem alten Klavier und erklärt erstmal die Grundprinzipien des Slams, damit das hier niemand mit einer herkömmlichen Dichterlesung verwechselt. Neun Poeten werden heute Abend ihre Texte vortragen und am Ende entscheidet das Publikum durch seinen Applaus, wer der beste ’Slammer’ des Abends ist. Stimme, Rhymus, Mimik und Körpersprache sind das, worauf es neben dem Text ankommt. Hilfsmittel wie Musikinstrumente oder Verkleidungen sind nicht erlaubt. Die jungen Dichter zwischen zwanzig und Mitte dreißig müssen allein mit Vortrag und Performance versuchen, ihre Zuhörer mitzureißen. Und dafür stehen ihnen gerade mal drei Minuten zur Verfügung.

Slammen auch auf Schwizerdütsch

“Ich nehme die Zeit mit meiner Schweizer Uhr” sagt Eloisa mit Seitenblick auf den Ehrengast des Abends, den 36jährigen Eidgenossen Richi Küttel. Der ist eine feste Größe in der Poetry Slam-Szene seines Landes (siehe Interview) und trägt auf Einladung der Schweizer Botschaft und des Goethe-Instituts heute Abend einige seiner Texte vor. Das deutsche Kulturinstitut ist Veranstalter des monatlichen Madrider Poetry Slams und lädt dazu regelmäßig Gast-Slammer aus dem Ausland ein. “Eine eigenständige Poetry Slam Szene gibt es in Madrid in dem Sinne noch nicht, darum übernimmt das Goethe-Institut die Organisation”, erklärt uns Eloisa auf Nachfrage. Johannes Richter

Richi Küttel begrüßt sein Publikum auf Englisch und weist auf die spanischen Übersetzungen seiner deutschen Gedichte hin, die auf den Tischen verteilt wurden. “Ich werde auch einen Text auf Schweizerdeutsch vortragen, aber die Veranstalter sahen sich nicht im Stande, den zu übersetzen”, scherzt er.

Sein erstes Stück heißt Blinddate und beginnt ganz bescheiden mit der Zeile “Nimm doch Platz da/ Dafür ist er ja da”, steigert sich dann jedoch zu Zukunfstvorstellungen, die man beim ersten Date wohlweislich für sich behalten sollte: “Was ich brauche sind beim Essen mindestens drei Gänge/ Und das Fußballspiel in voller Länge/ Das Bier leicht temperiert/ Eine Geliebte, vielleicht importiert/ Den Schnapps nach üppigem Mahl/ Und Achselhöhlen, total kahl”. Seine Mischung aus Witz und Ernsthaftligkeit kommt gut an, auch beim spanischsprachigen Publikum.

Unterdrücker, Motten, Sub-Sub-Sub-Direktoren

Madrider ZeitungDie Texte, die die vier Frauen und fünf Männer dann im knapp zweistündigen Wettbewerb auf Spanisch oder Englisch vortragen, decken das gesamte Feld der Poesie ab. Teils sind sie witzig, teils melancholisch, teils wütend-politisch “contra el opresor”. Einige Texte handeln nachdenklich von Liebe oder “davon, wer ich bin”, andere eher derb von Sex, während Ruben, der Gewinner des Januar-Slams, einfach die Lust an der Sprache feiert: “Subcultur/ Subconsciente/ Subcutáneo/ Subcampeón/ Subdirector/ Sub-subdirector/ Sub-sub-subdirector/...” Und selbst scheinbar triviale Alltagsprobleme wie eine störende Motte können packend geschildert werden, wie Teilnehmer Daniel beweist.

Die Slammer tragen passend zum Inhalt mal laut und mal leise vor, mal schnell und mal langsam, ruhig am Mikro stehend oder theatralisch die ganze Bühne einnehmend. Einige lesen komplett vom Blatt ab, andere nehmen ihre Texte nur zur Sicherheit mit auf die Bühne und werfen kaum einen Blick darauf.

Freestyle entscheidet im spannenden Finale

Johannes RichterVor der Siegerehrung besteht auch für die Zuhörer die Chance des spontanen Vortrags. Heute abend lässt sich nur ein Gast - mehr oder weniger gezwungen von seinen Freunden - dazu bewegen, auf die Bühne zu steigen. Sein Mut wird mit anerkennendem Klatschen belohnt.

Schließlich versammeln sich alle neun Slammer für die ’Applaus-Abstimmung’ auf der Bühne. Der Jubel ist eindeutig bei Daniel und Ruben am größten, doch wer gewonnen hat, lässt sich noch nicht heraushören. Es kommt zum Finale zwischen den beiden. Daniel trägt frei und gewitzt einen seiner Texte vor, doch Ruben zieht das Publikum anschließend mit einem improvisierten Freestyle (Thema: die Schwierigkeit des Freestylens) auf seine Seite. Der tosende Applaus ist für ihn das entscheidende Bisschen lauter und länger; zum zweiten Mal in diesem Jahr gewinnt er den Madrider Poetry Slam.

“So wenig verstanden, so viel Spaß gehabt”

Richi Küttel war anfangs etwas skeptisch bezüglich eines mehrsprachigen Poetry Slams. Am Ende dieses Abends, an dem auch die spanischsprachigen Zuhörer aufmerksam seinen (schweizer-)deutschen Stücken gelauscht haben, versichert er dem Publikum jedoch: “Ich hatte noch nie so viel Spaß, während ich so wenig verstanden habe!”

Infos vom Goethe-Institut zum Slam: http://www.goethe.de/ins/es/mad/de3323111v.htm
Johannes Richter
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