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20. September 2017
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  Hannes Stöhr, Filmregisseur: Techno rockt!
 
 
 
Corinna W.
Studium der Politikwissenschaft und Philosophie abgeschlossen. Glücklich in Madrid gelandet.


Techno: hart und herzlos? Ganz und gar nicht findet der Berliner Filmregisseur Hannes Stöhr, der sein Musikerpoträt, das nun auch in Spanien anläuft, in der Techno-Kultur ansiedelt. Im Rahmen des deutschen Filmfestivals traf ihn Corinna W. zum Interview, wo er mit ihr über Madrid, Clubkultur, Drogen und Musik sprach.

(Corinna W.) -

Hannes Stöhr beim Interview mit schicker Sonnenbrille - die gleiche, die DJ Ickarus im Film trägt.

Zeigst du den Film zum ersten Mal in Spanien? Wie waren die Reaktionen bisher?

Nein, er lief auch schon in Gijón beim Filmfestival, wo ich in der Jury war. Du merkst halt, dass sie in Spanien eine elektronische Musikkultur haben, die Feierkultur in Spanien ist natürlich besonders. Wenn ein Land weiß, was Kokain ist, dann Spanien.

Es ist aber nicht das erste Mal, dass du deine Arbeit in Spanien präsentierst, oder?

Nein, Berlin is in Germany und One day in Europe sind auch in Spanien gelaufen und vor allem Berlin is in Germany war sehr erfolgreich, der lief 40 Wochen im Kino. Für One day in Europe haben wir auch in Spanien, in Santiago de Compostela gedreht, wo ich einmal gewohnt habe.

Glaubst du, dass Berlin Calling ein Film ist, der in Spanien gut funktionieren wird?

Naja, Koks ist schon ein Thema in Spanien, der Pro-Kopf-Konsum ist hier höher als in den USA. Ich finde schon, dass es diese Feierkultur hier gibt. Natürlich sagt der Film “Stopp” und “Bremse rein tun” aber er spricht schon viele hier an, gerade in den Großstädten. Es ist ein großstädtischer Film und hinzu kommt der Berlin-Hype. Es gibt viele Spanier, die nur von Freitag bis Sonntag zur Techno-Party nach Berlin kommen.

Und kennst du das Madrider Nachtleben?

Also ich kenne Macumba, zum Tanzen ist das schon ein wilder Ort, das Low find ich auch ganz spannend, mein bester Freund wohnt auch in Madrid, also ich bin schon oft hier, mehr noch in Gallizien allerdings. Ich lebe in Berlin, aber wenn es ein Land gibt, wo ich am zweitöftesten bin, ist das Spanien. Hier bin ich sicher zwei Monate im Jahr.

Merkst du Unterschiede auch, was die “Ausgehkultur” angeht?

Du hast halt in den Großstädten, Madrid und Barcelona vor allem, die klassische spanische Avantgarde, was mir sehr gefällt, also auch diese Art Deco Restaurants und so. Auch die Sonar in Barcelona zum Beispiel, also ich würde sagen, dass die Spanier schon immer ein bisschen progressiver im Kunstgeschmack waren. Es verwundert mich nicht, dass die Sonar (elektronisches Musikfestival, Anm. C.W.) in Barcelona stattfindet und nicht in Berlin.

Viele Musiker-Porträts wollen gleichzeitig eine ganze Generation porträtieren. War das auch deine Absicht?

Das ist zwangsläufig so. Wenn du Ickarus (der porträtierte Musiker, Anm. Corinna Widhalm) ins Zentrum stellst und ihn in seinem Umfeld zeigst, wird das sofort zu einem Gesellschaftsporträt, weil das ja ein Spiegel der Realität ist. Jeder Künstler ist Produkt seiner Zeit, allein schon die Tatsache, dass heutzutage jemand mit einem Rechner auf der Bühne ist, das ist natürlich ein totales Produkt unserer Zeit. Das gab es früher nicht. Nur mit dem Laptop ein ganzes Album zu machen, war früher technisch unmöglich.

Was macht die Techno-Generation für dich aus?

Sie sind sehr international unterwegs, keine Frage. Sie sind sehr individualistisch, basieren auf den 68ern, denn alles was die 68er an sexueller Freiheit erkämpft haben, wird als selbstverständlich genommen. Politisch würde ich sagen, werden sie sehr unterschätzt. Und sie sind unideologisch, das empfinde ich als sympathisch. Die deutsche Linke war – bei allem Respekt vor der sozialistischen Idee, die find ich ja gut – doch sehr blind und ideologisch. Die Techno-Generation hat eine politische Meinung und das ist wichtig.

Und welche?

Sie sind Individualisten und jeder hat seine eigene Meinung und seinen eigenen Standpunkt. Da gibt es keine allgemeine Antwort. Es gab Leute, die den Film gern alternativer oder grüner gehabt hätten, aber ich wollte keinen ideologischen Film, ich wollte Bilder finden, wo die Interpretation des Bildes nicht schon im Bild ist. Global, individuell und unideologisch, aber auch hippiesk, was das Sexuelle, den Lebensentwurf und Hedonismus angeht, so würde ich die Techno-Generation beschreiben. Aber auch die neuen Technologien, die neue Kommunikationsformen möglich machen, spielen eine große Rolle.

Du scheinst dich in der Techno-Szene gut auszukennen. Bist du selbst in der Techno-Szene unterwegs?

Nicht so stark wie früher, aber schon noch. Es ist wieder interessanter geworden. Was mich genervt hat, war Ballermann und Loveparade, dadurch ist die ganze Subkultur kaputt gemacht worden. Als es zu mainstreamig wurde, hat es mich nicht mehr interessiert, aber jetzt erholt es sich wieder.

Was macht die elektronische Musik so erfolgreich?

Die ganze Welt hat Laptops, es ist logisch, dass die Musiker anfangen auf ihren Laptops Musik zu machen. Es ist logisch, dass wir in den nächsten Jahren eine Welle haben werden von kleinen Ickarussen, die mit ihren Rechnern auf die Bühne kommen. Die Leute haben keinen Bock mehr auf Texte. Es ist nicht mehr so wie nach dem 2. Weltkrieg, dass man auf Englisch singt und der Rest, der kein Englisch konnte, sich die Texte zuhause übersetzt. Ich glaube die elektronische Musik ist auch deshalb so stark, weil sie ohne Texte auskommt und zu der Urkraft von Musik zurückkehrt und da ist zu suchen. Es gibt keine Musik, die so global unterwegs ist wie Techno und die man auch so gut sharen kann.

Und was sagst du zu dem Vorwurf, dass in Techno kein Herz steckt?

Gut, das hast du bei anderer Musik auch, natürlich ist viel Mist dabei. Auch bei manchen Filmen ist das so, das findet sich im gesamten Kunstbereich.

Danke für das Gespräch.

Homepage Berlin Calling

Corinna W.
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