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22. Oktober 2017
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  Johano Strasser: "Literatur als Flaschenpost"
 
 
 
Corinna W.
Studium der Politikwissenschaft und Philosophie abgeschlossen. Glücklich in Madrid gelandet.


PEN International ist eine weltweit aktive Vereinigung von Schriftstellern, die mehr als 15. 000 DichterInnen, Essayisten und ErzählerInnen umfasst. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Förderung von Meinungsfreiheit und interkulturellen Austausch. Das Goethe-Institut Madrid organisierte nun ein Treffen des spanischen PEN-Präsidenten Basilio Rodríguez Cañada mit seinem deutschen Pendant Johano Strasser. Im Interview, am 21. April 2009, sprechen sie über Schriftsteller im Exil, die Rolle von Literatur und die Wichtigkeit des Dialogs.

(de.wikipedia.org) -

Literatur auf Reisen: Die Wirkung von Büchern ist nicht vorhersehbar, sind sich die beiden Präsidenten einig. Sie können immer wieder neu gelesen werden und auch erst Jahre später ihre Ideen entfalten. Der Schriftsteller schickt nur eine Flaschenpost, von der er nicht weiss, ob, wann und wo sie ankommen wird.

Welches sind die Schwerpunkte des PEN-Clubs und wie verlief die geschichtliche Entwicklung in Deutschland bzw. Spanien?

J.S.: Der PEN Club ist eine internationale Organisation und ist in nationale Zentren unterteilt, wobei in Spanien vier Zentren existieren, ein spanisches, ein baskisches, ein katalanisches und eines in Gallizien. Als Deutschland noch geteilt war, gab es auch in Deutschland zwei. Der Pen-Klub Deutschland setzt sich vor allem für verfolgte Schriftsteller ein. Die PEN-Klub Charta verpflichtet die Mitglieder für die Freiheit des Wortes einzutreten, entsprechend haben wir beim deutschen PEN einen Schwerpunkt “Writers in Prison” und ein Exil-Programm, wo wir verfolgte Schriftsteller in Deutschland mit einem Stipendium unterbringen. Wir stellen sie dem deutschen Publikum vor und fördern die Vernetzung untereinander. Exil-Programme dieser Art gibt es bisher nur in 12 der 140 PEN Zentren.

Wobei dieses besondere Engagement wohl auch mit der Geschichte Deutschlands zusammenhängt...

J.S.: Das ist richtig. Das zentrale Argument bei der Einrichtung, mit dem wir auch die Politiker überzeugt haben, war das Deutschland zur Nazi-Zeit darauf angewiesen war, dass Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler in anderen Ländern Asyl gefunden haben. Mit dieser Arbeit nun statten wir sozusagen ein historisches Dankeschön ab. http://de.wikipedia.org/ B.R.C.: Wir teilen diese Geschichte des Exils mit Deutschland aufgrund des spanischen Bürgerkriegs, wo zahlreiche Schrifsteller ihre Heimat verlassen mussten und auch die Aktivitäten des spanischen PEN-Klubs zum Stillstands kamen. Viele der spanischen Schriftsteller waren dann in den PEN-Zentren Lateinamerikas aktiv. Erste Initiativen das nationale PEN-Zentrum neu zu gründen gab es bereits nach dem Tod Francos, aber das katalanische Zentrum stellte sich damals dagegen, letztendlich kam es erst 2003 zur Neugründung, allerdings mit grossem Widerstand der eigenen regionalen Zentren Spaniens.

Wenn man die Geschichte des spanischen PEN-Klubs mit seinen unterschiedlichen regionalen Zentren betrachtet, hat Literatur demzufolge immer auch eine abgrenzende Rolle. Das gleiche lässt sich auch für die identitätsstiftende Funktion der Literatur für die europäischen Nationalstaaten sagen. Wie passt dies mit dem eigentlichen Ziel des PEN-Klubs zusammen zur Völkerverständigung beitragen zu wollen?

J.S.: Es gibt im PEN-Klub seit einer Reihe von Jahren eine Romantik der kleinen Sprachen, die ich nicht teile. Ich bin sehr für Sprachen, aber ich glaube, dass die Vielfalt der Kulturen nur fruchtbar wird in einem grösseren dialogischen Raum von Öffentlichkeit. Ich glaube wir müssen im PEN genauer darüber diskutieren, wie wir das Verhältnis der kleinen Sprachen zur grossen Öffentlichkeit wollen, sonst kommen wir in einen fürchterlichen Provinzialismus. Die Geschichte Deutschlands und Spaniens haben ja Parallelen, der ungeheuere Abfluss der Intelligenz in andere Länder zur Franco-Zeit und in noch grösserem Umfang in Deutschland zur Nazi-Zeit. Das ist etwas, dass die Basis für Kooperation gerade in der Frage des Exils darstellt. Das ist auch etwas was, Katalanen, Gallizier und Basken miteinander verbindet und das ist noch viel wichtiger als der Separatismus der kleinen Sprachen.

B.R.C.: Wir müssen in dieser Frage aber auch realistisch bleiben. Auch der PEN-Klub hat sich in bestimmten Zentren in ein imperialistisches Instrument verwandelt, die versucht haben kleinere Sprachen zu vertreiben. Diese Frage stellte sich auch im Verhältnis zwischen Spanien und Lateinamerika.

Schreiben findet demzufolge immer in einem politischen und sozialen Kontext statt, das heisst Literatur ist immer auch Ausdruck und Produkt von diesen. Kann – plakativ gesprochen – Literatur die Welt verändern?

J.S.: Nun, in Deutschland ist es nicht mehr so, dass, wenn ein Schrifsteller das Wort erhebt, die Öffentlichkeit besonders aufmerksam hinhört. Wenn ein Fussballer oder ein Formel 1-Rennfahrer sich meldet und politisch äussert, findet er in aller Regel mehr Gehör als wenn ein Schrifsteller dies tut. Aus der Geschichte wissen wir, dass Universitäten und Schrifsteller in der entscheidenden Phase als die Nazis an die Macht kamen doch ziemlich versagt haben. Doch glaube ich, dass die Arbeit mit solch luftigen Gebilden, wie der Literatur, unberechenbare Spätwirkungen hat, wir sind sozusagen Flaschenposten. Und vielleicht wird in 10, 15, 100 Jahren jemand diese Flaschen öffnen und es entsteht etwas in einem Kopf. Vielleicht gibt es dann ein geistiges Klima der Aufgeschlossenheit, in dem die Ideen plötzlich etwas bewirken. Wir wissen ja wie lange Ideen im Untergrund arbeiten können, deswegen bin ich nicht ganz pessimistisch. Aber diese Vorstellung, dass ein Dichter vors Volk tritt und diesem sagt, was richtig ist, so funktioniert es nicht. Ich glaube das Wichtigste ist, dass wir die günstigsten Bedingungen haben etwas in der Geschichte nicht dagewesenes zu leisten, nämlich aus diesem Europa eine handlungsungsfähige politische Einheit zu schaffen für das es keinerlei Vorbilder in der Geschichte gibt. Und nirgends sind die Bedingungen, dies zu schaffen, günstiger als in Europa. Der ungeheure Vorteil Europas ist die kulturelle Vielfalt, zu der auch die Sprachenvielfalt zählt, doch der nützt uns nichts, wenn wir nicht dialogisch verfahren. Doch wie sollen wir wissen was die Polen denken, wenn wir ihre Literatur nicht lesen können, das heisst Übersetzen wird für die Zukunft Europas entscheidend. Wir müssen mehr voneinander wissen, das gespeicherte Wissen der Völker muss übersetzt werden, um diesen Reichtum nicht zu verlieren. http://editorenvilo.blogspot.com/

B.R.C.: Die Macht des geschriebenen Wortes bleibt uns erhalten, auch wenn es nicht sofort seine Wirkung entfaltet, aber später kann es mit einem neuen Ansatz gelesen werden und es wird eine neue Interpretation möglich. Auch wenn wir als Schriftsteller natürlich sofortigen Ruhm wollen, da sind wir doch recht eitel, wir wollen unerlässlich sein. Aber in Wahrheit kann natürlich jeder schreiben, wir müssten hier bescheidener aufreten. Die Schriftsteller, die der Sprache besonders mächtig sind, müssten sie als Integrationsmittel benutzen. Europa ist ein einzigartiger Ort in der Welt, wo diese Fusion von Kulturen und Sprachen möglich ist und gerade die Vergangenheit diesen Austausch fördert. Das geeinte Europa muss nicht auf seine nationalen Identitäten verzichten. Die Literatur verändert nicht die Welt, aber sie macht das Leben erträglicher.

Ziemlich bescheiden...

B.R.C.: Eine bescheidene , aber beständige Aufgabe.

Eine letzte Frage: PEN International verschreibt sich der Förderung weiblicher SchriftstellerInnen. Misst man den PEN an seinen eigenen Masstäben ist das Ergebnis ernüchternd. So ist und war sowohl der spanische, als auch der deutsche Vorsitz immer fest in Männerhänden.

J.S.: Ich glaube die Frauen werden nicht bewusst draussen gehalten, aber sie sind weniger präsent, das stimmt. Ich denke das hat mit der unterschiedlichen Präsentation zu tun, Frauen trauen sich weniger zu, die Kommunikationsformen sind ausserdem männlich dominiert.

B.R.C.: Der PEN Klub International wurde ja eigentlich 1921 von einer Frau gegründet, die auf ihr eigenes literarisches Werk verzichtete, um sich der neuen Aufgabe zu widmen. Aber sie wollte nicht die Präsidentin sein. Es hat bereits von mehreren PEN Zentren Initiativen gegeben, um Frauen an die Spitze des PEN Klubs zu bringen, bisher allerdings erfolglos. Gerade der Einfluss der weiblichen Sensibilität ist ja in der spanischen Literatur sehr stark, auch ist die Leserschaft vor allem weiblich.

Danke für das Interview.

Interview: Corinna W.

Corinna W.
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