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13. Dezember 2017
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  Johan Lorbeer: "Ich bin Künstler, und Künstler machen ungewöhnliche Dinge."
 
 
 
Esther Spari
Von Berlin mit ERASMUS in den Süden Spaniens. Land und Leute ins Herz geschlossen, also noch ein Weilchen länger geblieben. Auf ging´s nach Madrid, (...)


Der Berliner Performance-Künstler Johan Lorbeer brachte Madrids Fussgänger zum Staunen.

(Madrider Zeitung ) -

Das Madrider Publikum machte einen "sympathischen" Eindruck auf den Künstler.

Am Ende gab es den grossen "Aha"-Effekt. Was sich vorher abspielte kann man ungefähr so beschreiben: Ein Mann schwebt an einer Hauswand angelehnt in der Luft, Handykameras sind gezückt und eine Menschentraube ist nicht schlecht am Staunen. Der belebte Plaza Callao in Madrid ist um 11.00 Uhr vormittags gefüllt mit entspannten Einkäufern, Kaffee-schlürfenden Geschäftsleuten und einer Menge erkundigungstüchtigen Touristen. Johan Lorbeer hat für sein heute präsentiertes Standbild "Tarzan/Standbein" einen optimalen Standort gewählt. Die Fussgänger bleiben erstaunt stehen, als sie den scheinbar ein paar Meter in der Luft schwebenden Mann sehen. Ein Meer an Digitalkameras und Handys überflutet die Ecke an der Calle Preciados, und hinter der offensichtlichen Faszination fragt sich ein jeder bloss: Wie macht er das?

Auf dem Boden der Tatsachen

"Ich finde das spitze, das ist Magie!", ruft eine Besucherin aus Somalien dem schwebenden Mann auf Englisch zu. "Es ist keine Magie", entgegnet dieser, um die Frau zurück auf den Boden der Tatsachen zu schicken. Also genau dorthin, wo er sich gerade nicht befindet. Herr Lorbeer scheint auf sicherem Boden zu stehen, aber seine Beine "schweben" in der Luft. Er trägt ein ordinäres Geschäftsoutfit mit Sacko und schwarzen Schuhen, nicht etwa ein vielleicht angemesseneres Superman-Kostüm. "Das wäre zu passend", erklärt der Künstler, "ich repräsentiere ja das "normale", nur eben in ungewöhnlicher Situation." Mit seiner Performance verursacht er eine Realitätsverschiebung; die Notwendigkeit, den eigenen Blickwinkel zu ändern. Er will mit Konzepten brechen und Stereotypen in Frage stellen. Zum Beispiel, indem er Tarzan aus dem Dschungel holt, ihm Geschäftskleidung und die Haltung eines Casanovas verpasst und ihn mitten in der spanischen Metropole nicht etwa von Baum zu Baum schwingen, sondern an der Wand angelehnt in der Luft schweben lässt.

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Warum er das denn tue, fragt ihn ein Fussgänger, "Was ist denn der Zweck?". Johan Lorbeer scheint die Frage schon sehr, sehr oft gehört zu haben. Mit den Worten "Ich bin Künstler, und Künstler machen ungewöhnliche Dinge", versucht er, die Antwort so simpel wie möglich zu halten. Immerhin werden ihm im Sekundentakt Fragen zugerufen, die er nicht alle auf einmal beantworten kann. Als er merkt, dass dem Fussgänger die Antwort nicht zu reichen scheint, stellt er eine Gegenfrage: Ob der Herr so etwas denn zuvor schon einmal gesehen hätte. "Nein, noch nie", antwortet dieser. Genau das sei der Punkt. Erst wenn man herausgefordert sei, seinen Blickwinkel zu ändern, könne man die Dinge mit anderen Augen betrachten, Unterschiede erkennen, seinen Horizont erweitern. Eine Möglichkeit persönlicher Entwicklung, die er selbst nur allzu gut kennt.

Eine Reise durch die Welt der Performancekunst

1950 in Minden geboren, studierte er zunächst an der Kunstakademie in Nürnberg. Bald darauf zog es ihn jedoch in die weite Welt hinaus, und so lebte er zeitweise in Neu Delhi, New York und London. Seinen Wohnsitz verlegte er 1985 nach Berlin, eine Stadt, die seine Weltoffenheit reflektiert. Seitdem organisierte Johan Lorbeer Ausstellungen und gab Performances in nahezu allen Teilen Europas: Paris, Rom, Kopenhagen, Brüssel, Glasgow, Hamburg, Moskau, Barcelona, Marseille, Linz, Bergen, Utrecht und er reiste darüber hinaus in Städte wie Salvador, HangShou, Chicago, Beirut, Genua und Kairo. Dass er auf seinen Reisen unglaublich viele verschiedene Erfahrungen gemacht hat, kann man sich denken. Wie unterschiedlich die Reaktionen auf Lorbeers Performances tatsächlich ausfallen können, macht uns Leander, einer seiner Assistenten deutlich. "Die Reaktion vom Publikum", erinnert er sich zurück "ist in jedem Land anders." Er erzählt, wie es hin und wieder vorkommt, dass Passanten sich bekreuzigen oder von Hexerei zu sprechen beginnen. In Kairo musste gar eine Darstellung abgebrochen werden, weil man es im Publikum mit der Angst zutun bekam und die Zuschauer befürchteten, es sei "böse Magie" im Spiel.

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Aber für Leander haben derartige Erlebnisse keinen destruktiven Effekt, sondern ganz den gegenteiligen: Er ist froh, dabei sein zu können und soviel Neues zu erfahren. Seit etwa einem Jahr ist er im Team, das den Künstler auf seinen Touren begleitet, und es bereitet ihm sehr viel Freude. "Was Herr Lorbeer macht, das ist etwas für Alle, für jede Gesellschaftsschicht, jedes Alter. Das hier ist ein offener Platz, jeder kann stehen bleiben und zugucken, oder eben weitergehen, wenn es einen nicht interessiert", sagt er. Einmal hat er sogar selbst bei einer Performance mitgemacht, bei einem italienischen Kunstfest im letzten Jahr. Überhaupt ist das "Mitmachen" ja Kernpunkt in der Performancekunst. Der "Schlüssel" hierbei sei die Kommunikation, erklärt mir dann der Mann in der Luft. "Ich nehme in diesem Moment eine andere Identität an, werde zu einem lebendigen Kunstwerk, mit dem man reden und interagieren kann. Zwischen dem Kunstwerk und dem Betrachter entsteht ein Dialog - und das macht die Performancekunst so einmalig." Man könne sich vorstellen, mit einem Maler wie Goya ein Gespräch über seine Bilder zu führen, aber wirklich möglich werde die Interaktion zwischen Kunstwerk bzw. Künstler und Publikum nur in der Performance. Diese Form der Kunst "des Moments" sei immer aktuell, veralte nie und erneuere sich ständig.

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Populärkultur und Mitgestaltung

Man könnte sagen, mit seiner Performance-Kunst lebt Johan Lorbeer am Puls der postmodernen Zeit. Als studierter Künstler kreiert er populäre Kultur, jene also, an der jeder teilnehmen kann, zu der jeder beitragen kann, die niemanden ausschliesst. Seine Form der Kunst entsteht nur an Orten, wo Menschen zusammen kommen, auf das, was sie sehen reagieren und somit selbst zu Mitkünstlern werden, von denen die Performance abhängt. Ganz so, wie Lorbeers Tarzan ein frei-bewegliches Bein hat, und ein "Standbein", dass sich während der Performance nicht rührt und nur mithilfe einer Metallkonstruktion, auf der es ruht, in der luftigen Höhe Halt finden kann.

Nach ungefähr einer Stunde in der Madrider Februarkälte wird die Performance beendet und der "Zauber" aufgelöst. Der grosse "Aha-Effekt" setzt ein, als sich unter dem Sacko des Künstlers die Metallhalterung an der Wand preisgibt. Ein Staunen geht durch die Reihen, eine Frau ruft "Genial!", dann gibt es einen grossen Applaus. Johan Lorbeer hält einen Moment auf seiner Leiter an, lässt den Blick durch die Menschenmenge schweifen und lächelt. Der schönste Moment für einen Künstler ist doch, wenn er seine Kunst teilen kann.

Esther Spari
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