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13. Dezember 2017
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  Tragischer Held
 
 
 
Katja Ehrentreich
Sprachen und Kommunikation sind sowohl Studium als auch Hobby. Nach Semestern in Frankreich und Portugal soll nun Spanien erobert werden. Wenn (...)


Am 2.August 2008 ereignete sich in der spanischen Gemeinde Majadahonda, in der Nähe von Madrid, ein Aufsehen erregender Vorfall, dessen tragische Tragweite erst nach dem eigentlichen Vorkommnis deutlich wird und der gleichzeitig gravierende Probleme der Gesellschaft aufzuzeigen scheint.

Bei dem Versuch einer Frau zur Hilfe zu kommen, die von ihrem Lebensgefährten drangsaliert wurde, ist der Universitätsprofessor und Journalist Jesús Neira von jenem auf brutale Art und Weise zusammengeschlagen worden.

Der Angriff ereignete sich, als Neira zusah wie ein Mann eine Frau auf der Straße attackierte. Beim Versuch des Professors einzugreifen, versetzte ihm der Täter vermutlich einen Faustschlag ins Gesicht, warf ihn zu Boden und trat ohne Unterlass auf ihn ein.

Nachdem die Polizei den mutmaßlichen Täter, bei dem es sich um den 44-jährigen, bereits wegen Diebstahls vorbestraften, Antonio Puertas handelt, auf den falschen Verdacht hin, er würde sich bei seiner Familie aufhalten, zunächst in der näheren Umgebung von Agost suchte, wurde er schließlich am vergangenen Montag in einem Hotel in der gleichnamigen Hauptstadt Alicantes festgenommen.

Neira in kritischem Zustand. Jesús Neira liegt seit dem 6.August auf der Intensivstation im Hospital Universitario Puerta de Hierro in Madrid. Nachdem er als Folge der brutalen Attacken einen Schlaganfall erlitten hat, ist er in ein künstliches Koma versetzt worden. Er wird rund um die Uhr von Anästhesisten, Kardiologen und Neurochirurgen betreut, trotzdem scheint sich sein Zustand nicht auffallend zu verbessern. Zumindest aber hat das Fieber nachgelassen, unter dem er seit Tagen litt.

Opfer medizinischer Fahrlässigkeit. Im Rahmen der den Fall betreffenden Untersuchungen soll nun geprüft werden, ob Neira neben den erlittenen Wunden zudem Opfer medizinischer Fahrlässigkeit geworden ist. Der Professor hatte sich nach dem Angriff sowohl in das Gesundheitszentrum von Majadahonda, als auch in das Hospital de Móstoles und das Hospital Puerta de Hierro begeben, wurde aber in keinem der Häuser den notwendigen Untersuchungen unterzogen, die es möglich gemacht hätten Lungenödem und Schlaganfall vorzeitig zu erkennen und entsprechende, z.B. gerinnungshemmende, Maßnahmen einzuleiten.

“Ein wunderbarer Mensch”. Das ursprüngliche Opfer dagegen, die Lebensgefährtin Puertas’, Sandra, erklärte nun in einem Telefoninterview in der Sendung “Visto y Oído”, dass Puertas sie nicht bedrängt hätte, ebenso wenig hätte er Neira angegriffen. Vielmehr sei er eine hilfsbedürftige Person, die ihre Medikamente benötige. Sie behauptete, dass die Situation erst durch das Eingreifen des Professors eskalierte und bekräftigte ihre Aussage mit der Äußerung, dass Puertas “ein wunderbarer Mensch” (elpaís.com) sei.

Puertas für schuldig erklärt. Während des Verhörs am 13. August bekannte sich Puertas aber zu der Tat und gab zu, auf einen Mann eingeprügelt zu haben. Seit dem Nachmittag des selben Tages ist Puertas nun in Soto de Real in Haft, ohne die Möglichkei, sie gegen eine Kaution zu verlassen. Dem Angeklagten wird versuchter Totschlag vorgeworfen; dabei handelt es sich allerdings um ein vorläufiges Urteil; es wurde die Option offen gehalten, den Inhalt der Anklage, abhängig vom Gesundheitszustand des Professors, noch zu modifizieren.

Die Verteidigerin Puertas hatte für die Einweisung Puertas in eine Drogenentzugsanstalt plädiert, aber der Richter hatte den Antrag mit der Begründung abgelehnt, dass die Sicherheitsstandards in einer solchen Einrichtung nicht ausreichend wären.

Der Anwalt der Familie Neiras dagegen zeigte sich sichtlich zufrieden mit dem richterlichen Beschluss. Seiner Meinung nach war der Angriff auf Neira ein Akt roher Gewalt, was durch die Videoaufnahmen der Überwachungskameras, sowie Angestellten des Hotels in Majadahonda untermauert wird.

Leugnung gewaltsamer Übergriffe. Wie das vorliegende Beweismaterial zu zeigen scheint, ganz abgesehen von dem Geständnis Puertas, besteht also kein Zweifel an seiner Tat und trotzdem ließ sich seine Lebensgefährtin dazu hinreißen, diese abzustreiten.

María Tardón, der Vorsitzenden der Abteilung 27 der Audiencia Provincial de Madrid, die sich besonders mit Fällen auseinandersetzt, in denen Frauen Opfer machistischer Gewalt werden, ist ein derartiges Verhalten nicht unbekannt.

Tardón betonte, dass der vorliegende kein Einzelfall sei und bedauerte die Häufigkeit mit der Opfer von Gewalt negieren, misshandelt worden zu sein. Aus Angst vor ihrem Peiniger, ziehen sie es vor wegen Falschaussage angeklagt zu werden, bevor jener verurteilt wird. Der Fall Neira könnte also als Zeugnis dieser traurigen Tatsache gelten.

Dreifaches Opfer. Traurig ist der Fall Neira in seiner Gänze – und bitterböse. Ein Mann, dessen hohes Maß an Zivilcourage beispielhaft sein und bleiben sollte, ist quasi dreifach Opfer menschlicher Abgründe geworden: der Gewalt Puertas, der Ignoranz der Mediziner und zumindest in moralischer Hinsicht Opfer der Illoyalität von Puertas’ Lebensgefährtin.

Einmal mehr demonstriert der Fall also, was für ethische Missstände in unserer Gesellschaft bestehen. Doch aufgehoben werden können sie nur, wenn es weiterhin Menschen wie Neira gibt.

El País (Zugriff:13-08-08)
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ABC (Zugriff:13-08-08)
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Katja Ehrentreich
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