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24 de abril de 2017
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  Wachestehen am Pappkarton
 
 
 
Justin Pietsch
Als Madrid-Beobachter aus Deutschland grübelt der ehemalige Erasmusstudent über Leben und Leute in der grossen Stadt.


Amdy* wirkt etwas verloren, wie er dort auf dem Fussweg steht. Wie er hin und her läuft, der Mann in Jogginghose und mit dem kurzem, grauen Haar, sich immer wieder umguckt. Dort, in einer kleinen Strasse im Zentrum Madrids, neben parkenden Autos, einem Parkscheinautomaten und billigen Kleidungsgeschäften. Hinter einem schwarzen Toyota am Strassenrand hat er seinen kleinen Verkaufsstand aufgebaut – einen niedrigen Pappkarton, auf dem er seine Ware gut sichtbar ausgebreitet hat.

Fast jeden Tag kommt er hierher. Viele der Passanten scheinen ihm wohlgesonnen, denn immer wieder werden Handschläge ausgetauscht, kleine Schwätzchen gehalten. Vorbeikommende Kinder begrüsst er hin und wieder freundschaftlich mit “High Five”, einem Händeabklatschen, manche hebt er sogar hoch und wirbelt sie ein wenig durch die Luft.

Trotzdem ist er unruhig: Mit kurzen, hektischen Zügen inhaliert er den Rauch seiner selbstgedrehten Zigarette, und alle paar Sekunden blickt er nervös nach links und rechts. So, als hätte er vor etwas Angst.

Denn Amdy verkauft Raubkopien. Die neuesten Kinofilme verschleudert er hier, das Stück für 2,50 Euro, inklusive original kopiertem Cover – ein Spottpreis. Von “Sex and the City” bis zum “unglaublichen Hulk”, fast alles hat er in seinem Sortiment. Und auch, wenn in der Strasse der Passantenverkehr gering ist: Amdys Geschäfte scheinen nicht schlecht zu gehen - mittlerweile hat er sich sogar einen kleinen, treuen Kundenstamm aufgebaut. Denn viele kennen seinen Standort als Filmverkäufer bereits und kommen regelmässig zu ihm, um die neuesten Blockbuster günstig zu erstehen.

Doch wenngleich die Geschäfte nicht schlecht laufen: Er macht das nicht freiwillig. Amdy kommt aus dem Senegal. Er lebe schon sehr lange in Spanien, erzählt er. Doch seine Tarjeta de Residencia (Aufenthaltserlaubnis) hätten sie ihm wegen Drogenmissbrauchs weggenommen. Daher lebe er nun illegal in Madrid. “Wenn ich könnte, würde ich mir einen anderen Job suchen. Aber was habe ich schon für eine Wahl? Ohne Aufenthaltserlaubnis kannst du nicht mal die Klos bei McDonalds reinigen.” Daher muss er nun Raubkopien verkaufen. “Natürlich weiss ich, dass das illegal ist”, fügt er hinzu, “aber von irgendwas muss ich ja schliesslich leben.”

Da fährt plötzlich ein Polizeiauto an ihm vorüber. Einer der beiden jungen Polizisten im Auto blickt in Amdys Richtung - doch das ständige Umgucken hat sich gelohnt. Denn wachsam hat Amdy das herankommende Auto durch seine dunkle Sonnenbrille bereits vorher erspäht und seine Ware schnell in einer weissen Plastiktüte verschwinden lassen. Dann bleibt er gelassen stehen und wartet, bis die Ordnungshüter hinter der nächsten Ecke verschwunden sind. “Nunca corro”, erklärt er daraufhin – er rennt nie. “Wenn ich wegrenne, verfolgt mich die Polizei doch sofort, weil sie mich dann als Verkäufer von Raubkopien verdächtigt. Deshalb bleibe ich ruhig stehen und warte ab, bis die Polizisten nicht mehr zu sehen ist.”

Und so hatte er mit der Polizei noch keine Probleme. Zumindest bei seinem täglichen Broterwerb nicht. „Ich war schon einmal für sechs Monate im Gefängnis, weil ich mich mit einem Polizisten geprügelt habe, der mich schlecht behandelt hat.“ Bei seiner Arbeit würden die Polizisten ihm aber keine Probleme machen.

Wie lange genau er schon Raubkopien verkauft, möchte Amdy aber nicht erzählen. Ebensowenig verrät er, wieviel er pro Tag daran verdient. “Das sage ich niemandem”, wehrt er ab. Und da bricht er das Gespräch plötzlich ab: “Ich muss gehen”, sagt er nur knapp und eilt davon - zu viel möchte er nicht von sich verraten. Verübeln kann man es ihm aber nicht. Schliesslich ist er ständig auf einer kleinen Flucht.

Eine Stunde später komme ich noch einmal durch die Strasse – Amdy steht dort wieder neben seinem Pappkarton. Er guckt etwas gelangweilt durch die Gegend. Dass er angespannt ist, merkt man trotzdem, denn noch immer geht er auf und ab. Eine Mutter kommt mit ihrer kleinen, vielleicht fünfjährigen Tochter vorbei, und Amdy hebt das Mädchen mit beiden Händen hoch und wirbelt es durch die Luft. Eines zumindest kann man ihm nicht vorwerfen: Dass er nicht das Beste aus seinem Job macht.

*Name von der Redaktion geändert.

Justin Pietsch
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