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19. September 2017
Ihre Zeitung Aktuelles aus Spanien Wissenswertes
  Götterdämmerung auf dem Fussballplatz
 
 
 
Justin Pietsch
Als Madrid-Beobachter aus Deutschland grübelt der ehemalige Erasmusstudent über Leben und Leute in der grossen Stadt.


Sie hat begonnen: die Fussball-Europameisterschaft. Und mit ihr die Zeit der Götter der Meinungsbildung.

((c) Verena N. / www.pixelio.de) -

Sie sind die Götter der Fussball-Liveübertragung. Sie sagen uns, was wir denken sollen, wenn wir uns ein Fussballspiel im Fernsehen anschauen. Sie erklären uns, wie ein Fussballspiel läuft, welche Mannschaft gut spielt und welche schlecht. Sie analysieren, wer am Ende gewinnt und was die gegnerische Mannschaft tun muss, um das Spiel zu drehen. Sie sind es, die bisweilen wettbegeisterte Fussballfans um ihr letztes Erspartes bringen, da diese ihren Analysen vertraut hatten.

Was wäre ein Fussball-Liveübertragung ohne die Kommentatoren? Ohne die Kerners, Fassbinders, Netzers oder meinetwegen (auf spanischer Seite) auch Montes? Niemand wäre mehr da, dem man bei seinen treffenden Analysen zustimmt oder den man verteufelt wegen der unglaublich fehlerhaften Kommentare. Wir schätzen und wir hassen sie, denn Kommentatoren polarisieren.

Daher sind sie aus einer Fussballübertragung nicht mehr wegzudenken. In Deutschland nicht, und in Spanien erst recht nicht. Die Deutschen schätzen die meist sachlichen Analysen während des Spiels, auch wenn sie häufig nicht mit den Kommentatoren einer Meinung sind. Und die Spanier lieben die emotionalen “Gooooooooooooooooool”-Rufe bei einem Tor und die auch sonst sehr subjektiven Bewertungen des Spiels, auf die man lauthals seine eigene Meinung verkündet.

Den deutschen Kommentatoren entweicht bei ihren Analysen hin und wieder ein Jubelruf, ein leicht emotionaler Aufschrei. Aber aufgepasst: Nicht zuviel des Guten, denn das könnte unsachlich wirken. “Und... – da ist er drin. Tor. Tor für Deutschland! Sehr schön herausgespielt, und der verdiente Führungstreffer für unsere Jungs. Sehen wir uns das noch einmal in der Zeitlupe an...”

Unsere spanischen Kommentatoren-Freunde sind da ganz anders: Ausufernd jubeln sie bei jedem Tor, sind völlig aus dem Fussballer-Häuschen: Mindestens zehn mal in Folge schreien sie laut “Gooool!” (Tor), und das in einer Lautstärke, dass vor allem Radiohörern die Ohren flattern. “Gol! Gol! Goooooool! Increíble! Es increíííble!” So kann man es in Spanien zu Kultstatus bringen. Wie Andrés Montes zum Beispiel. Er kommentiert beim spanischen Fernsehsender La Sexta und ist landesweit berühmt für seine ausufernde Jubelei und seine markigen Sprüche über die Spieler.

Und nicht nur beim Jubel unterscheiden sich deutsche und spanische Kommentatoren: In Spanien wird wesentlich unsachlicher diskutiert, und Spieler werden gerne mal in ziemlich unvorteilhaftem Licht präsentiert und mit lächerlichen Spitznahmen versehen. Auch deutsche Kommentatoren tuen dies gelegentlich, aber wesentlich harmloser und weniger polemisierend.

Aber ob nun in Deutschland oder in Spanien: Jetzt ist sie, die Hoch-Zeit der Götter. Noch bis zum 29.6. haben sie die Macht über den Fussballfan, bis zum Ende der Fussball-Europameisterschaft. So lange assistieren sie den Deutschen Fans bei der Spielanalyse, so lange stehen sie den Spaniern beim Jubeln und Lästern zur Seite. Danach müssen wir wieder selbst zwischen gut und schlecht unterscheiden, unser tägliches Leben analysieren und gestalten.

Besser so.

Justin Pietsch
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