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22. August 2017
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  Monotonie in Uniform
 
 
 
Justin Pietsch
Als Madrid-Beobachter aus Deutschland grübelt der ehemalige Erasmusstudent über Leben und Leute in der grossen Stadt.


Die Musik dröhnt aus einem kleinen Laden in der Calle de las Carretas. Spanisch-aufdringlicher Pop, “Te quiero, mi amooor!” Doch Antonio* stört das nicht. Er steht in der Eingangstür des spanischen Bekleidungsgeschäftes mit den günstigen Preisen. An seiner linken Brust trägt er eine weisse Plakette: "Vigilante de Seguridad" steht dort in roten Lettern - Sicherheitsmann. Seine schwarzen, auf Hochglanz polierten Schuhe harmonieren mit der etwas biederen Faltenhose und dem beigen Hemd. Die klassische Dienstuniform eines Wachmanns.

Jeden Tag steht er hier, von morgens bis abends. Jeden Tag – ausser Sonntags. Um neun Uhr morgens schält er sich aus dem Bett, trinkt einen café con leche und ist um zehn auf seinem Posten. Dort steht er dann. Ziemlich lange.

Strenger Blick, kleine Diebstähle

Mit prüfendem Blick mustert er die Kunden, die den Laden betreten und ihn wieder verlassen, darunter flippige Teenager, seriöse ältere Herren und amerikanische Touristen. Eine Schusswaffe trägt er nicht, denn “dazu fehlt uns die Erlaubnis.” Lediglich ein Gummiknüppel sowie ein paar Handschellen sind an seinem Gürtel befestigt.

Vorher hatte er zehn Jahre als Mechaniker gearbeitet. Aber als Sicherheitsmann verdient man einfach besser. “Vor allem, weil ich so viele Stunden in der Woche arbeite. Da kommt ganz schön was zusammen.” Fast 70 Stunden, um genau zu sein. Ein Haufen Arbeit.

Ab und zu, so sagt er, gibt es kleinere Diebstähle. “Meistens sind es Jüngere, zwischen 25 und 30.” Ansonsten ist es eher ruhig. “Einen Überfall oder etwas ähnlich Dramatisches habe ich in den zehn Jahren, die ich bereits hier arbeite, noch nicht erlebt.” Zehn Jahre. Immer im selben Laden, immer an der Eingangstür.

Arbeitstage: lang und anonym

Fast zwölf Stunden arbeitet er pro Tag, auch Samstags. Von zehn Uhr morgens bis um halbzehn Uhr abends, dazwischen eine Stunde Mittagspause. Das kann ganz schön eintönig sein. “Manchmal langweile ich mich schon, aber man gewöhnt sich dran. Um die Zeit totzuschlagen, unterhalte ich mich auch manchmal mit den Angestellten hier. Mit den Kunden reden wir Sicherheitskräfte in der Regel aber nicht.” Man gewöhnt sich also daran. Aber man ist auch sehr viel mit sich allein beschäftigt.

“Die Arbeit ist schon sehr anonym. Vor allem, da wir den ganzen Tag nur Leute beobachten, aber nicht mit ihnen sprechen. Doch ich habe mich daran gewöhnt.” Und Antonio fügt noch etwas für Spanier sehr typisches hinzu: “Es un trabajo.” – Es ist halt ein Job.

Ein Job, in dem Routine und Gewohnheit eine grosse Rolle spielen. Um 21 Uhr steht Antonio noch immer auf seinem Posten. “No sé qué puedo hacer sin ti,” schallt es aus dem Laden. Antonio nimmt das schon gar nicht mehr wahr. Mit der Zeit gewöhnt man sich eben an alles.

* Name von der Redaktion geändert.

Justin Pietsch
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