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22. Oktober 2017
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  Natalie, Erasmus-Studentin: "Spanier sind weniger verkopft"
 
 
 
Justin Pietsch
Als Madrid-Beobachter aus Deutschland grübelt der ehemalige Erasmusstudent über Leben und Leute in der grossen Stadt.


Feiern, Freunde, Alkohol - Ist das wirklich alles, was ein Erasmus-Studium zu bieten hat? Natalie findet das auf keinen Fall und sagt, was an dem Vorurteil über dauerbetrunkene Erasmus-Studenten dran ist. Ausserdem spricht sie über das Madrider Kulturangebot und gibt wertvolle Tipps für Neuankömmlinge in der spanischen Metropole.

(Justin P. für MadriderZeitung.com) -

Natalie (25) wird das Kulturangebot in Madrid vermissen.

Natalie (25) studiert seit September vorigen Jahres im Rahmen des Erasmus-Programms Ethnologie und Psychologie an der Universidad Autónoma de Madrid. Im August wird sie an die Uni in Göttingen zurückkehren und dort ihr Studium beenden.

Du lebst bereits seit acht Monaten in Madrid. Was gefällt dir bisher am besten an der Stadt?

Das Zusammenleben mit meinen Mitbewohnern gefällt mir total gut. Wir gehen oft zusammen weg, kochen zusammen und reden viel. Da habe ich echt Glück, denn die Spanier wohnen sonst eher in Zweck-WGs, in denen man nebeneinander statt miteinander lebt.

Aber die WG musstest du ja auch erst einmal finden. Hattest du anfangs Schwierigkeiten, dich zurechtzufinden?

Grosse Probleme hatte ich nicht. Zum einen konnte ich schon vorher ganz gut Spanisch sprechen. Und zum anderen war ich vor einigen Jahren für einige Monate in Zentralamerika, bin also fremde Kulturen und Lebensweisen gewöhnt. Am schwierigsten war es, dass ich anfangs niemanden kannte und mich manchmal etwas alleine gefühlt habe...

...aber dafür hast du dann ja eine sehr schöne WG gefunden. Ist dein Aufenthalt in Madrid ansonsten so verlaufen, wie du es dir vorgestellt hattest?

Ich dachte, das Spanischlernen würde schneller gehen. Aber es dauert länger, als man denkt - von alleine kommt da nichts. Regelmässige Grammatikübungen sind zum Beispiel sehr wichtig - die habe ich leider viel zu selten gemacht (grinst). Von der Sprache einmal abgesehen hatte ich mir vorgenommen, mehr Kulturangebote zu besuchen, als ich es letztendlich getan habe. Viel gesehen habe ich trotzdem.

Und neben der Kunst hast du ja auch die Lebenskultur ganz gut kennen gelernt. Könntest du dir vorstellen, längerfristig in Spanien zu leben?

Ich habe zwar auch nach fast einem Jahr, das ich nun schon hier bin, kein umfassendes Bild der spanischen Kultur und Lebensweise. Ich könnte mir dennoch vorstellen, ein paar Jahre lang in Madrid zu leben. Länger wohl nicht. Aber man weiss ja nie, was die Zukunft bringt... Trotzdem: es gibt bestimmte Dinge, die gefallen mir hier einfach nicht.

Zum Beispiel?

Die Menschen scheinen mir manchmal etwas oberflächlich zu sein. Das kann zwar vorteilhaft sein, um schnell neue Menschen kennenzulernen. Aber es dauert ziemlich lange, bis man die Leute dann richtig kennt und echte Freunde findet. Das kommt zwar auch in anderen Kulturen vor, hier in Madrid fällt es mir allerdings mehr auf. Vielleicht liegt dies aber auch am Leben in der Großstadt.

Aber zwei Jahre würdest du dennoch hier wohnen wollen?

Klar, vieles gefällt mir ja sehr gut. Vor allem mag ich, dass die Spanier sich weniger Sorgen machen und weniger “verkopft” sind als die Deutschen. Sie geniessen das Leben und nehmen es so, wie es gerade kommt. Das ist sehr erfrischend.

Das ist dann ja genau das Richtige für Erasmus-Studenten, oder? Viel Feiern, viel Alkohol?

Natürlich gehe ich hier öfters in Bars und Restaurants, um etwas zu trinken oder zu essen, als ich dies in Göttingen tun würde. Man hat als Erasmus-Student nicht so einen Druck, viele Scheine machen zu müssen, und Madrid ist einfach ideal zum Weggehen. Wer will, kann hier jeden Tag bis fünf oder sechs Uhr morgens feiern. Aber total betrinken tue ich mich nicht. Solche exzessiven Partygänger sind wohl eher etwas jünger, ich schätze zwischen 18 und 22. Vielleicht bin ich dafür einfach auch schon etwas zu alt (lacht).

Es sind also nicht alle Erasmus-Studenten auf Dauerpartys aus?

Mit Sicherheit nicht. Sehr viele sind auch an Kultur und Land interessiert, und speziell bei den Deutschen habe ich eine gewisse Portion Fleiss erkannt. Sie wollen die Veranstaltungen an der Uni nicht einfach nur absitzen, sondern wirklich etwas lernen. In meinen Kursen waren es zum Beispiel häufig die Deutschen, die diskutiert oder etwas nachgefragt haben. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie schon vorher einmal im Ausland gewesen sind oder dass viele von ihnen ihre wilde Phase schon hinter sich haben. Mit etwa 25 Jahren sind sie häufig älter als die Studenten aus anderen Ländern.

Das schönste Erlebnis während deines Erasmus-Aufenthalts?

Mein Geburtstag letzten Monat. Da konnte ich alle meine Freunde sehen, die ich hier kennen gelernt habe, und wir haben zusammen einen tollen Abend verbracht. Das gab mir das Gefühl, ich hätte hier ein kleines zweites Zuhause. Ich finde, angekommen ist man, sobald man ein paar gute Freunde hat.

Was wirst du am Madrider Erasmus-Leben am meisten vermissen, wenn du ab Juli/August wieder zurück in Deutschland bist?

Auf jeden Fall die Leute, die ich hier kennengelernt habe. Und natürlich das Kulturangebot. Madrid hat so viel zu bieten, was Göttingen nicht hat. Die vielen Ausstellungen im Casa Encendida oder im Casa de los Jacintos werde ich sehr vermissen. Die sollte jeder Madrid-Besucher unbedingt besuchen.

Deine Empfehlung für Studenten, die in Madrid studieren werden?

Nicht die klassischen Sachen machen. Statt sich am Bären an der Puerta de Sol zu treffen und die Bars im Umkreis zu besuchen, empfehle ich, nach Lavapiés zu gehen – ein etwas verrufenes Immigrantenviertel, das aber sehr bunt und lebhaft ist. Dort gibt es viele schöne Bars, und für einen gemütlichen Spaziergang bietet es sich auch sehr an. Und wenn man Zeit hat: Einfach mal in die Metro einsteigen und an irgendeiner anderen Station aussteigen. Madrid hat so viele Gesichter...

...die man mit dem klassischen Touristen-Programm aus dem Reiseführer gar nicht sieht.

Genau. Und ruhig mal ins Umland von Madrid fahren, in die Sierra de Guadarrama zum Beispiel. Abstand und Erholung von dem Grossstadt-Stress sind wichtig für die Seele. Ausserdem empfehle ich, Gespräche mit Erasmus-Studenten aus anderen Ländern zu suchen, denn dabei kann man viel lernen. Und vor allem: Versuchen, die Madrilenen kennenzulernen. Der erste Schritt ist zwar schwer, aber nur so kann man die spanische Kultur und die Gewohnheiten der Madrider persönlich erleben und kennenlernen.

Natalie, wir danken dir für dieses Gespräch.

Justin Pietsch
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