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23. März 2017
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  Wenn der Nachbar dreimal röchelt – akustische Umweltverschmutzung in Madrid
 
 
 
Justin Pietsch
Als Madrid-Beobachter aus Deutschland grübelt der ehemalige Erasmusstudent über Leben und Leute in der grossen Stadt.


Madrid ist eine der lautesten Städte in Europa. Wer einmal einige Zeit hier gelebt hat, der weiss warum: durchgehendes Gehupe, aufgeregtes Geschreie und hitzige Diskussionen der Nachbarn nebenan sind an der Tagesordnung - ein Erfahrungsbericht.

(Justin P. für MadriderZeitung.com) -

Verkehr ist eine Hauptquelle des Lärms in Madrid.

“Wuaah, krrrrr, uääääh, wööörg!” Ich erwache, unsanft aus dem Schlaf gerissen von diesen ominösen Geräuschen. Schlaftrunken reibe ich mir die Augen und schaue auf den Wecker – sieben Uhr morgens. Alarmiert ob der eigenartigen Geräusche springe ich auf und will nachsehen, was los ist - vielleicht benötigt jemand dringend meine Hilfe? Doch dann legt sich die Schleier der Müdigkeit, und ich erinnere mich: Es besteht kein Grund zur Aufregung. Wie fast jeden Morgen ist es hier mein Nachbar, der mich mit seinem wenig liebreizenden Röcheln und Husten aus den Träumen gerissen hat. Der arme Mann könnte einem ja fast Leid tun. Täglich meint man, er breche sich die Seele aus dem Leib. Das Bild eines hilflos über der Toilettenschüssel hängenden älteren Mannes drängt sich mir in den Kopf.

Aber das Mitgefühl weicht schnell dem Zorn. Für Mitleid ist so früh am Morgen einfach kein Platz. Kann der liebe Herr Nachbar nicht einfach auf das Rauchen verzichten, statt seine Anwohner täglich mit seinen grauenvollen Würg- und Blubbergeräuschen um ihren wohlverdienten Schlaf zu bringen? Aber ich habe wohl keine Wahl, schliesslich muss ich bald aufstehen und mich auf den Weg zur Uni machen. Also lege ich mich wieder hin, drehe mich auf die Seite und flüchte mich in meine Gedanken, um dem widerlichen Würgen meines Nachbarn zu entgehen.

Lästige Nachbarn

Beschwerden über den Lärmpegel der Nachbarn sind in Spanien an der Tagesordnung. Jeder zweite Spanier fühlt sich von seinen Anwohnern akustisch belästigt. Das ist nicht verwunderlich, denn nachwievor leben viele Menschen in Altbauwohnungen mit dünnen Wänden und schlechter Dämmung. Hinzu kommt die gellende Lautstärke, in der Spanier sich generell verständigen. Da muss ein spanisches Kind schonmal doppelt so laut wie ein deutsches Kind schreien, um überhaupt gehört zu werden.

Als ich um neun Uhr meine Wohnung im dritten Stock verlasse, sehe ich gerade noch den Schatten zweier Kinder, die lauthals schreiend an mir vorbeirasen. Waren es wirklich nur zwei Kinder? Mein Trommelfell jedenfalls meint, es seien mindestens ein halbes Dutzend gewesen. Aber gut, ich bin’s mittlerweile gewohnt. Also mache ich mich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg zur Uni. In der Cercanía dann die nächste Zerreissprobe für mein Trommelfell: Mit einem ohrenbetäubenden Tuten schliessen sich die Türen. Kein dezentes Signal, keine angenehme Stimme, die das Schliessen der Türen ankündigt - es muss dieses unerträglich laute Piepen sein, das einen tauben Presslufthammer-Arbeiter aus dem Schlaf reissen würde. Ungeduldig warte ich die fünf Stationen ab, welche die Bahn bis zum Campus passiert. Fünf weitere Male Türen auf (tut-tut-tut) und wieder zu (tut-tut-tut), dann bin ich endlich an der Uni.

Leicht betäubt steige ich aus der Bahn aus – und finde endlich Ruhe. Hier auf dem Campus Cantoblanco, der etwas ausserhalb der Stadt liegt, scheint die Welt noch in Ordnung. Keine Kinder, kein Hupen, kein nichts. Bloss die generell lauten Unterhaltungen der Studenten stören diese Stille. Doch auch die klingen wie Säuseln in meinen Ohren angesichts der sonstigen Lärmquellen, die es in der Stadt auszuhalten gilt. Drei Vorlesungen besuche ich heute, dann geht’s zurück in die lärmende Stadt.

Krach macht reizbar

Wieder im Zentrum Madrids begegne ich noch einigen ruppigen Mitreisenden in der Metro, die sich schlecht gelaunt an mir vorbeidrängen und mir auf die Füsse treten. Und ich wundere mich, dass bloss jeder vierte Spanier aufgrund des Lärms reizbarer ist als gewöhnlich. So viel Krach von allen Seiten macht zwangsläufig einfach agressiv. Umfragen zufolge sind Menschen zwischen 18 und 25 Jahren am lärmunempfindlichsten, diejenigen über 65 am empfindlichsten. Ich fühle mich zwar nicht so, doch gemessen an der Lärmresistenz müsste ich mindestens 70 Jahre alt sein. Aber ich bin ja auch kein Spanier, sondern Deutscher. Und Spanier sind eben noch etwas andere Lärmniveaus gewöhnt, schliesslich ist dies die Nation mit der weltweit zweitgrössten akustischen Umweltverschmutzung – nur Japan ist noch lauter.

Dann bin ich wieder in meiner Wohnung. Ich sitze im Wohnzimmer und versuche, meine Hausaufgaben für die Uni zu machen. “Huuuuup, huuuuup!” – nicht an Arbeiten zu denken. Nicht jetzt und wohl auch später nicht mehr. Denn man sollte niemals die Starrhalsigkeit der Madrider Autofahrer unterschätzen: Kaum ein Tag, an dem keine Hupe eine halbe Stunde durchgehend vor meinem Fenster ertönt. Genervt klappe ich meinen Laptop zu. Und das Schlimmste ist: Die Madrider selber beschweren sich kaum über den Strassenlärm. Sie haben sich so sehr daran gewöhnt, dass sie wahrscheinlich gar nicht mehr ohne Hupen, Quietschen und Brummen leben könnten, ohne Anzeichen von Entzugserscheinungen zu zeigen. Dafür beschwert man sich dann lieber über Bars und Diskotheken. Die machen zwar einen wesentlich kleineren Anteil des Lärms in der Stadt aus, doch das stört die Wenigsten.

Lärm ist Hauptauslöser von Stress

Mittlerweile habe ich leichte Kopfschmerzen, und meine schlechte Laune manifestiert sich in zornigem Fluchen über den Schwachkopf, der nun schon seit zwanzig Minuten auf die Hupe drückt. Soviel Lärm ist einfach ungesund für den Menschen. Er ist einer der Hauptgründe für Stress, und damit für Kopfschmerzen, schlechte Laune und Übermüdung. Jetzt habe ich keine Lust mehr, für die Uni zu arbeiten, und ich kappsele mich mit meinem MP3-Player von dem Lärm der Welt ab. So kann ich wenigstens selbst bestimmen, von welchen Klängen ich beschallt werde. Den Rest des Tages verbringe ich irgendwie mit meiner Musik, bis endlich Zeit zum Schlafen ist.

Was bleibt, ist die Hoffung auf einen ruhigeren Folgetag. Ich kuschele mich an mein Kopfkissen und denke an das Paradies. Wo keine Autos fahren und das Fahrrad das Hauptverkehrsmittel ist. Um halbeins begleitet mich dann der säuselnde Wohlklang der Müllabfuhr – piiiep, piiiep, piiiep – in den Schlaf. Bevor ich mich den Träumen hingebe, erschöpft von einem lärmerfüllten Tag, sinniere ich bloss noch erleichtert: “Na, wenigstens würgen und brechen die Müllmänner nicht.”

Justin Pietsch
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  1 Kommentar / 2 Nachrichten.
  Wenn der Nachbar dreimal röchelt – akustische Umweltverschmutzung in Madrid
  22. Januar 2009 16:48, von Maria Schröps
  -

Das trifft den Nagel auf den Kopf! Wie oft habe ich schon in der U-Bahn neben einem permanent an die Scheibe hämmernden Kind gestanden und mich gefragt, warum sich bloss niemand um den Krachmacher kümmert. Während ich immer kurz davor bin, das Abteil zu wechseln, ertragen die Spanier um mich herum den Lärm tapfer.

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  Wenn der Nachbar dreimal röchelt – akustische Umweltverschmutzung in Madrid
9. Juli 2010 22:20, von susi
  -

ich habe unter mir auch so einen röchelden nachbarn unter mir, manchmal nervt es schon, wenn man zeitig geweckt. Man denkt er übergibt sich. Sobald er auf Arbeit ist, fühl ich mich am wohlsten. ansonsten verschanze ich mich an einen Ort, wenn es erlaubt , wo es ruhig ist, am Bungalow :D

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