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13. Dezember 2017
Ihre Zeitung Aktuelles aus Spanien Wissenswertes
  Margit Raders, Dozentin für deutsche Philologie an der UCM
 
 
 
Erik N.
Nach dem Abitur und dem obligatorischen Zivildienst wurde überstürzt ein Jurastudium begonnen. Die Einsicht: Juristerei wird nicht zur (...)


Das Gespräch fand am 11.07.2007 im Café van Gogh in Madrid - Moncloa statt.

(Madrider Zeitung) -

Margit Raders im Kreise ihrer Studenten und Studentinnen.

Wo haben Sie ihre Jugend verbracht ?

Mein Geburtsort Mühlacker liegt im Südwesten Deutschlands, in Baden Württemberg. Eine idyllische Ortschaft in der Nähe des Schwarzwaldes und nicht weit von den Städten Karlsruhe und Stuttgart. Sicherlich ist Mühlacker den meisten Lesern unbekannt, doch ist das Gebiet zum einen für seinen Weinanbau bekannt und ist zum anderen in einer kulturhistorisch sehr interessanten Gegend gelegen. Unweit, im selben Landkreise, liegt Knittlingen, die Heimat des Urfaust. Ebenfalls befindet sich das einstige Sickingen, das heute vollständig in der Gemeinde Oberderdingen aufgegangen ist, in unmittelbarer Nähe. Hier hatte das Rittergeschlecht Sickingen seine Stammburg, dessen berühmter Emporkömmling Franz von Sickingen, der letzte Ritter, sich in den Bauernkriegen einen Namen machte.

Als Jugendliche bin ich nach Bonn – Bad Godesberg gezogen, das mir damals wie eine Großstadt vorkam. Ich erlebte hier sozusagen den ersten Kulturschock meines Lebens. Aus meiner Heimat war ich gewohnt, dass der Dialekt als ein Zeichen der Integration gilt. In Bonn war das nicht so. Hier galt Dialekt als unschicklich. Insgesamt bedeutete der Umzug nach Bonn für mich eine große Umstellung.

Wie sind Sie nach Madrid gekommen ?

Das erste Mal bin ich 1974/75 als Studentin nach Madrid gekommen. Ich studierte vorher in Heidelberg, Paris und Wolgograd und kam mit einem postgraduierten Stipendium in die spanische Hauptstadt und blieb eineinhalb Jahre. Danach ging ich vorerst zurück nach Heidelberg.

1978 begab ich mich erneut im Rahmen der auswärtigen Kulturpolitik als DAAD – Lektorin nach Madrid an die Universidad Complutense. In meiner Position arbeitete ich mit verschiedenen deutschen Institution zusammen, wie der deutschen Botschaft und dem Goethe-Institut, sowie natürlich mit den anderen Lektoren. Nach fünf Jahren Lektorenzeit hätte ich eigentlich wieder zurück nach Deutschland kommen müssen, aber glücklicherweise übernahm mich die UCM. Seitdem bin ich ununterbrochen hier.

Wie beginnen Sie den Tag ?

Ein normaler Arbeitstag, an dem ich Vorlesungen in der Universität halte, beginnt sehr hektisch. Eigentlich in der Art, wie sie den Spaniern nachgesagt wird, mit einem Frühstück fast im Stehen. Da ich seit einigen Jahren etwa 40 km außhalb der Stadtgrenze lebe, muss ich mich morgens sehr beeilen um den Überlandbus nicht zu verpassen, der mich zur Arbeit bringt und nur jede Stunde fährt. Es geht an solchen Tagen alles sehr schnell.

Wenn ich allerdings morgens nicht in die Stadt muss, dann gehe ich den Tag gerne ruhig an. Dazu gehört ein gemütliches Frühstück mit anschließender Zeitungslektüre. Ich verbringe gerne Zeit in meinem Garten und versuche in der Granitwüste um Madrid die eine oder andere Pflanze zu kultivieren. An anderen vorlesungsfreien Tagen begebe ich mich auf einen Spaziergang um einen nahegelegenen Stausee. Wichtig ist mir dabei, die Hektik, die ich an anderen Tagen verspüre, nicht aufkommen zu lassen.

Womit beschäftigen Sie sich in der Freizeit ?

Neben meinem Garten, von dem ich erzählte, unternehme ich Ausflüge in der Umgebung. Zum Beispiel gehe ich unglaublich gerne in der Sierra de Guadarrama wandern und genieße die Natur. Allerdings interessiere ich mich auch sehr für Musik und besuche Konzerte oder gehe ins Kino. Natürlich treffe ich mich genauso gerne mit Freunden. Seitdem ich allerdings nicht mehr in der Stadt wohne, gestaltet sich die Koordinierung dieser Verabredungen etwas schwieriger, da es nicht mehr möglich ist spontan ins Zentrum zu fahren. Es kann gut und gerne ein Monat vergehen, bis ein Wiedersehen zustande kommt.

Wo sind Sie in Madrid am liebsten ?

Die schönsten Plätze der Stadt sind in meinen Augen die grünen Oasen. Hierzu zählen natürlich die wunderbaren Parkanlagen, wie der Retiro oder der Parque de Oeste. Ich nehme mir an diesen Tagen, an denen ich plane einen Park zu besuchen, nichts anderes vor, damit ich ungestört die weitläufigen Grünflächen genießen kann. Zu meinen Lieblingsplätzen zählen allerdings auch die Innenhöfe einiger Museen, in denen man sehr gut an heißen Tagen im Schatten sitzen kann.

Neben den Parks, in denen ich sehr gerne verweile, ziehen mich die zahlreichen Museen der Stadt oft in ihren Bann. Die schier unerschöpfliche Varietät und die Vielzahl der Gemälde und Ausstellungstücke überwältigt mich jedes Mal wieder. Allein die Angebote der bekanntesten Museen wie dem Prado, dem Thyssen Bornemisza oder dem Museum Reina Sofia sind einzigartig. Zudem bieten die verschiedenen Fachmuseen der Stadt ihren Besuchern genauso wunderbare Ausstellungen.

Mögen Sie die Stadt ?

Zu Madrid verbindet mich eine Art Hass-Liebe, obwohl die Liebe natürlich überwiegt. Doch ärgere ich mich schon, besonders wenn ich müde oder gestresst bin, über den Smog und den Lärm. Manchmal möchte ich den ewigen Baustellen Madrids einfach entfliehen und davonlaufen.

Andererseits wirkt die Stadt immernoch unheimlich faszinierend auf mich. Beizeiten laufe ich ohne bestimmtes Ziel durch die Straßen und sehe mir die Häuser an. Ich denke, Madrid hat für jeden etwas zu bieten. Es ist für alle Generationen etwas dabei und man kann alle Stilrichtungen der Architektur bewundern. Gerade in den letzten 30 Jahre, in denen ich hier lebe hat sich viel verändert.

In den 80er und 90er Jahren, während der sogenannten “movida”, wurde der Paseo de la Castellana “la costa castellana” genannt. Es spielte sich das Leben auf dem begrünten Mittelstreifen ab. Dort reihte sich eine Bar an die andere und es war voll von Menschen.

Als ich anfing zu studieren und Madrid besuchte hatte ich den Eindruck einer schwarzen Stadt. Die Steine waren rußig, da die Fassaden nicht gereinigt wurden und die unglaublichen Schmuckstücke, die es unter den Häusern gibt waren schwerlich als solche zu erkennen. Das hat sich dieser Tage, in denen Madrid zu einer Metropole geworden ist, sichtlich geändert. Allein die Beleuchtung mit denen die Bauwerke des nachts in Szene gesetzt werden finde ich sehr gelungen. Bis auf wenige Ausnahmen ist dies dezent und nicht übertrieben bunt gelöst. Mir gefällt das gut.

An sich kann man Madrid sehr gut in die einzelnen Stadtteile gliedern. Die Altstadt natürlich und das Madrid de los Austrias sind natürlich sehr schön und unbedingt sehenswert. Ebenso bietet die sehr geometrisch angelegte Stadt östlich und westlich des Paseos de la Castellana, die aus dem 19./20. Jahrhundert stammt, schöne Plätze. Weiter nördlich befindet sich der Stadtteil, den ich Kleinmanhatten nenne. Zwischen diesen beiden liegt ein Gebiet, das in früherer Zeit sehr, sehr schön gewesen sein muss, unglücklicherweise aber der Bauspekulation der Francozeit zum Opfer fiel. Vormals lag hier das schöne ciudad jardin, geplant von dem spanischen Architekten Arturo Soria im londoner Stil. Mitunter findet man in dieser Gegend noch einige beschauliche Häuser mit Gärten, welche die ehemalige Schönheit dieses Areals erahnen lassen. Der Rest wurde leider zerstört. Daher gefällt es mir der Norden der Stadt weniger.

Um es in einem Satz auszudrücken würde ich sagen, dass Madrid zwar architektonisch sehr gemischt ist, dafür aber unheimlich gut aussieht.

Könnten Sie sich auch andere Städte als Lebensmittelpunkt vorstellen?

In jedem Falle könnte ich mir Paris als Lebensmittelpunkt vorstellen, aber auch Berlin. Für mich als Süddeutsche wäre ebenso München eine Option, obwohl die bayrische Hauptstadt im Vergleich zu anderen Metropolen wenig großstädtisch wirkt. Ich denke trotzdem, dass ich mich dort wohlfühlen würde. Mich reizt die Nähe zum Süden, nach Italien, genauso wie der kurze Weg nach Wien in östlicher Richtung.

Gibt es hier eine große deutschsprachige Gemeinschaft ?

Das kann ich schlecht beantworten. Zwar hatte ich zu anfangs beruflich bedingt viel Kontakt zu deutschen Institutionen und Persönlichkeiten, doch spielte sich das alles im Rahmen meiner Lektorenstelle ab. Beispielsweise arbeitete ich mit mit dem deutschen Botschafter, dem Kulturreferenten, dem Leiter des Goethe-Instituts oder dem Leiter der deutschen Schule zusammen, aber eben nur als Mittlerperson und nicht im privaten Bereich. Mit der Zeit ist der Kontakt jedoch zurückgegangen. Ich betrachte dies als Frage der Integration. Ich möchte schließlich nicht in einer deutschen Parallelgesellschaft leben. Dazu gehört eben, dass ich mich in meiner Umgebung einlebe und das ist für mich die spanische Umgebung.

Dazu muss ich sagen, dass ich kein Vereinsmensch bin. Ob es sich nun um Hasenzüchter, Rosenzüchter oder Sportvereine handelt, mich reizt das nicht. Vereinsgesellschaften stellen für mich etwas typisch deutsches dar, zu dem ich mich noch nie hingezogen fühlte. Sicherlich gibt es die evangelische und katholische Gemeinde, zu denen ich lockeren Kontakt pflege. Zum Beispiel gehe ich manchmal auf Weihnachtsmärkte der Gemeinden, doch im Grßen und Ganzen mache ich das nicht systematisch. Das ist etwas, das ich nicht brauche.

Haben Sie einen deutschsprachigen Freundeskreis ?

Natürlich habe ich auch deutschsprachige Freunde, allerdings außerhalb dieser Vereinsgesellschaften. Eine sehr gute und langjährige Freundin von mir arbeitet beispielsweise an der Deutschen Schule. Weiterhin zählen mein Mann und ich sehr viele gemischte Paare zu unserem Freundeskreis, in denen der eine Part muttersprachlich deutsch und der andere spanisch aufgewachsen ist. Die meisten meiner deutschsprachigen Freunde habe ich entweder über den Beruf kennengelernt oder es handelt sich noch um Freunde aus Studienzeiten. Ich bekomme außerdem immer viel Besuch aus Deutschland. Ich gehöre auch nicht zu den Menschen, die sich ständig mit anderen treffen müssen, dieses Gefühl ist mir fremd.

Trotzallem fühlen Sie sich jedoch in Madrid heimisch ?

Einst hatte ich einen Erasmus-Studenten, der mich fragte, wann ich ausgewandert wäre. In diesem Moment stutzte ich ein wenig. Es war mir bis dahin gar nicht bewusst, dass ich tatsächlich ausgewandert bin. Ich habe mich hier nie „fern der Heimat“ oder fremd gefühlt. Ich fahre natürlich auch öfters nach Deutschland.

Um ihre Frage zu beantworten: ja und nein. Ich muss gestehen, dass ich mich mit zunehmendem Alter über Sachen ärgere, über die ich früher nicht erbost gewesen wäre. Beispielsweise, dass man sich auf manche Leute nicht verlassen kann oder was die Pünktlichkeit betrifft. Viele Sachen, die mir eigentlich nicht so wichtig waren. Doch wenn alles improvisiert wird und demzufolge eben einiges daneben geht, das geht mir schon manchmal über die Hutkrempe. All diese Kulturstandards, die man so kennt, aber ich denke, dass hängt mit dem Alter zusammen. Ich bin ein Mensch, der immer viel gereist ist, gerade während meiner Studiezeit und ich hab mich immer napassen können. Das Fremde hat mich immer fasziniert, aber die Toleranzschwelle ist geringer geworden. Obwohl ich mich immer für sehr tolerant, mobil und anpassungsfähig gehalten habe, muss ich gestehen, dass ich jetzt mit zunehmendem Alter merke, dass dies bei mir zurückgeht.

Welche kulturellen Unterschiede sehen sie zwischen Deutschland und Spanien ?

Das ist eine sehr schwierige Frage. In den letzten 30 Jahren, die ich hier erlebt habe, hat sich sehr viel verändert. In meinen Augen ist Spanien das europäische Land, das sich am stärksten verändert hat in den letzten Jahrzehnten. Als ich das Land kennenlernte, war es ein typisch mediterranes Land, in dem sich das Leben draußen abspielte. Ich habe das Gefühl, das Land wandelt sich in eine normale Konsumgesellschaft, in welcher ein stereotyper, mitteleuropäischer Standard eingezogen ist. Damit geht natürlich auch die Vereinzelung, die Atomisierung der Menschen einher. Viel leben getrennt, das wäre früher undenkbar gewesen. Natürlich spielt sich hier, alleine klimatisch bedingt, vielmehr auf der Sraße ab, als in Deutschland.

Die Idealtypen des Spaniers oder des Deutschen stammen aus dem 19. Jahrhundert und haben in Reinform sicher nie bestanden. Zum Beispiel waren sicher nicht alle Deutschen pünktlich. Die Kulturstandards von denen man heute spricht, also typische Ausprägungen menschlichen Wahrnehmens, Fühlens, Denkens und Handelns sind denke ich schwer auf eine gesamte Nation anzuwenden.

Denn Deutschen wird beispielsweise nachgesagt, dass sie Lebensbereiche trennen. Auf der Arbeit also sehr streng sind und in der Freizeit eher entspannt. Ebenfalls ist eine typische Verhaltensweise, die den deutschen zugeschrieben wird, dass sie Strukturen und Regeln sehr wertschätzen, damit quasi immer eine internalisierte Kontrolle erreichen wollen, während der Spanier spontan beschrieben wird. Das gibt es natürlich, aber sehr gedämpft und zudem sind solche Verhaltenstypen veränderbar und nie fest. Vorallem she ich sie inder heutigen Zeit überlagert durch das Superstrat der globalisierten amerikanischen Kultur.

Wieviele Erasmus-Studenten/innen erleben sie im Semester ?

Also im letzten Semester hatte ich acht Erasmus Studenten und Studentinnen in meinem kurz, aber das ist schon viel. Ich denke, dass es im Durchschnitt vielleicht drei pro Semester sind, die ich in Kursen persönlich kennenlerne.

Sind Erasmusstudenten/innen im Durchschnitt motiviert oder faul ?

Es gibt zwei Arten von Austauschstudenten/innen. Die eine Sorte ist sehr motiviert. Gerade wenn sie sich eingelebt haben, die Formalitäten hinter sich gebracht haben, stellen sie eine echte Bereicherung für den Lehrbetrieb dar. Der andere Teil, so ist mein Eindruck, lässt sich treiben und nutzt das Auslandssemester nicht als Chance, sondern zum Feiern.

Diejenigen allerdings, die sich beteiligen, bringen eine wunderbare Diskussionskultur mit in den Unterricht ein. Der Lehrbetrieb an den spanischen Universitäten ist viel schulischer organisiert als in Deutschland. Die Studenten schreiben also wahnsinnig viel mit und liefern dem Professor eine möglichst genaue Kopie dessen, was er im Laufe des Semesters erzählt hat. Wenn ich dagegen deutschsprachige Erasmusstudenten/innen erlebe, sind diese viel diskussionfreudiger. Manchmal muss ich meine spanischen Studenten/innen motivieren sich überhaupt an Diskussionen zu beteiligen. In dieser Hinsicht bestehen in jedem Falle größere Unterschiede zwischen den beiden Ländern.

Vielen Dank für das Gespräch.

Erik N.
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