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24. Juni 2017
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  Politische Führung in der Europäischen Union
 
 
 
Dominique Krämer
Bauingenieur-Studium in Hannover. Abgeschlossen 1999 mit Diplom. Seit 2003 in Madrid.


Eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung

(Sarah J.) -

Laut der Bertelsmann Stiftung setzten die Europäer auf Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Im Mai/Juni 2007 rückten 14 Mitgliedsstaaten der EU in den Fokus der Demoskopen der Bertelsmann Stiftung. Unter der zentralen Thematik "Politische Führung in der Europäischen Union" wurde den Bürgern in den befragten Ländern auf den Zahn gefühlt. Das statistische Erhebungen nicht immer ins Schwarze treffen müssen ist spätestens seit der Bundestagswahl 2005 bekannt. Dennoch scheint den Gesellschaftwissenschaftlern kein besseres Instrument einzufallen, um ihre Thesen zu untermauern. Das Problem liegt jedoch nicht bei der mathematisch fundierten Hochrechnung, die der Erhebung zu Grunde liegt, sondern in den Schlüssen, die aus den ermittelten Zahlen gezogen werden. Doch vorerst ein Blick auf die vorgelegten Zahlen.

Welches Schweinchen hätten´s gern ?

Die Befragten sollten angeben, ob die EU eine stärkere Führung durch bestimmte Personen benötigen würden. Der Umfrage zufolge sind 47 Prozent der Befragten überzeugt, die EU bräuchte stärke Führungspersönlichkeiten. Mit 58 Prozent Zustimmung waren die Deutschen am vehementesten dieser Ansicht, gefolgt von den Iren mit 56%, sowie den Spaniern und Franzosen mit 55 Prozent. Einzig in Schweden war eine Mehrheit von über 50 Prozent der Befragten nicht dieser Ansicht. Insgesamt sahen 32 Prozent kein Führungsdefizit. Nur in der Hälfte der Länder wurde die Frage nach neuen Führungspersönlichkeiten mit Zustimmung beantwortet, in der anderen Hälfte wurde kein Bedarf gesehen oder sich enthalten.

Im weiteren sollte unter vier möglichen Kandidaten: Bundeskanzlerin Angela Merkel, EU Kommissionspräsident José Manuel Barroso, dem künftigen birischen Premiers Gordon Brown und Frankreichs Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy gewählt werden, wer eine stärkere Führungsrolle übernehmen sollte. Nach der repräsentativen Befragung der Bertelsmann Stiftung hätten sich insgesamt 28 Prozent der Befragten für die Bundeskanzlerin ausgesprochen. 20 Prozent für Barroso, 15 Prozent für Sarkozy und 14 Prozent wünschten sich für Gordon Brown eine stärkere Position.

Auffällig ist, dass 58 Prozent der Deutschen für Merkel stimmten, 50 Prozent der Briten für Gordon Brown und 40 Prozent der Franzosen für Sarkozy. Es scheint, als wünschten sich die Befragten in den großen Staaten der EU eine stärkere Position für die jeweiligen Politiker aus dem eigenen Land. Barrosos Heimatland Portugal gehörte nicht zu den befragten Ländern. Ebenfalls fällt auf, dass insgesamt 25 Prozent der 13.840 Befragten zu dieser Frage, trotz der möglichen Mehrfachnennung keine Angaben machte. In Italien, den Niederlanden, Schweden, Estland, Ungarn und Polen wollte sogar der gröste Teil der Befragten keine Angaben zu dieser Frage machen.

Gefragt war auch, von welchen Ländern mehr Führung ausgehen sollte. Die Mehrheit, vor allem in den mittelgroßen Staaten Spanien und den Niederlanden, plädierten für die Gruppe der Eurozone. Auf dem zweiten Platz rangiert die Gruppe, welche die Frage nicht beantwortet haben, nämlich 22 Prozent. Von einer Führungsposotion des Gespanns Deutschland, Frankreich und Großbritannien war nur die Mehrzahl der Briten überzeugt. Vielleicht, weil dies die einzige Länderkombination unter den Auswahlmöglichkeiten darstellte, in der Großbritannien integriert war. Insgesamt trauten 18 Prozent der Befragten dem Trio eine stärkere Führungsrolle zu. Immerhin der dritte Platz. Der alte "Motor Europas", das Duo Deutschland und Frankreich, wurde von den französischen Befragten bevorzugt, konnte aber ansonsten nicht viel Zustimmung finden. Mit insgesamt 11 Prozent der Stimmen der vierte Platz. Einer stärkeren Rolle des "Warschauer Dreiecks", also dem Trias Deutschland, Frankreich und Polen, wurde nur von einer Mehrzahl der Polen gewünscht.

Was du daraus machst ...

Die Interpretation von Armando Garcia Schmidt von der Bertelsmann Stiftung, der aus den Zahlen erkennt, dass die EU-Bürger sich in Brüssel eine starke Persönlichkeit wünschten, ist bestenfalls bedingt richtig. Ein Blick auf die Statistik bestätigt, dass der größere Teil der Befragten die Frage, ob eine stärkere politische Führung durch bestimmte Personen nötig sei, nicht mit ja beantwortet. Von dieser Warte ist die Aussage von Herrn Garcia Schmidt schlicht und ergreifend falsch. Bedingt richtig wird sie im Bezug auf die zweite Frage: von welchen Persönlichkeiten sich stärkere Führung gewünscht würde. Nämlich von den Politikern aus den eigenen Ländern. Gerade in den großen Staaten zeigen dies die Zahlen ganz deutlich. Die EU-Bürger wünschen sich also nicht per se eine starke Persönlichkeit in Brüssel, vielmehr wollen sie eher die eigenen Politiker in stärkeren Rollen sehen. Ein Indiz auf die Verunsicherung, die Europaskepsis, welche vielen Bürgern nachgesagt wird. Die eigenen Politiker in der EU zu favorisieren spricht für folgendes: Wenn schon EU, dann wenigstens mit politischen Führern, von denen ich am ehesten glaube, sich für meine Interessen einzusetzen.

Aus der vorgelegten Statistik ein positives Europabild der Befragten zu konstatieren scheint überzogen. Dafür zeigen die Zahlen zu wenig Meinung, zu wenig Enthusiasmus und zu wenig Vertrauen in politische Akteure außerhalb der eigenen Landesgrenzen. Europa bleibt vorerst eine politische und wirtschaftliche Einheit. Die Gesellschaften brauchen noch Zeit, um sich in den neuen Kleidern wohl zu fühlen. Die "große" Zustimmung für Frau Merkel als neue Führungskraft Europas wirkt eher konstruiert. Zwar bekam sie die meisten Stimmen, jedoch lediglich 28 Prozent der Befragten sprach sich für Merkel aus. Die Bertelsmann Stiftung leitet allerdings ab, dass die Europäer auf Merkel setzen würden und sie weit vor anderen Politikern favorisiert würde. Da sich die Befragten bei dieser Frage nicht festlegen mussten, sondern auch Mehrfachnennung möglich war, kann es mit der "große" Zustimmung für Frau Merkel nicht so weit her sein. Nichtmal ein Drittel waren von der Kanzlerin überzeugt.

Die Betitelung "Europäer rechnen mit Merkel" der Bertelsmann Stiftung ist eher als vermarktungstechnischer Schachzug zu verstehen. Um die eigene Erhebung interessant erscheinen zu lassen und eine möglichst breite Aufmerksamkeit zu erreichen, wurden sensationalistische Überschriften gesucht und gefunden. Es ist verständlich, dass die Stiftung unter den Tisch fallen lassen möchte, dass die Erhebung keine klaren Ergebnisse gebracht hat. Es ist allerdings verwerflich aus werbezwecken, den Aussagegehalt der Erhebung zu verzerren und auf die eigenen Bedürfnisse (und Erwartungen) anzupassen. Womöglich waren die Fragestellungen nicht ausgereift und das abgesteckte Gebiet zu groß für eine kleine Erhebung. So wurden zum Beispiel einige europäische Staaten gar nicht befragt. Vielleicht wurde die Erhebung auch einfach von akademischen Backfischen initiiert und interpretiert, denen es noch an Übung und Fingerspitzengefühl fehlt. Seien wir gespannt auf die nächste Studie der Bertelsmann Stiftung..

Mehr von der Bertelsmann Stiftung

Die Umfrageergebnisse (pdf): http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_21706_21707_2.pdf
Dominique Krämer
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